Obwohl Würselen im Aachener Land allgemein als „Düvelstadt" bekannt ist, verdient es doch noch einen weiteren Beinamen, der auf einen alten Brauch und damit auf ein bis zum heutigen Tag lebendig gebliebenes gesellschaftliches Ereignis in Würselen hinweist. „Würselen — Stadt der Jungenspiele" steht auf dem Sonderstempel, den die Post anlässlich des 1100jährigen Jubiläums von Würselen im Jahre 1970 benutzte. Stadt der Jungenspiele? Jeder Würselener weiß genau, was damit gemeint ist. Dennoch sollte eine Schilderung des regen Lebens in Vereinen und Gesellschaften, das wir in Würselen antreffen, mit dem Brauch des Maisingens und der Jungenspiele beginnen.

In der Nacht zum ersten Maisonntag ziehen in den einzelnen Ortsteilen die Maijungen vor jedes Haus, in dem ein heiratsfähiges Mädchen wohnt. Sie tragen dabei einen geschmückten Maibaum bei sich und rufen jedem Mädchen seinen „Maischatz" aus. Ihr Anführer, der Maikönig, tut dies mit folgenden Worten kund:

"Höret, höret allen meinen Reden zu,
Was der Maikönig befehlen tut:

Er befieht von seinem Thron,
Dat die zwei sich beiene solle don.

Dat soll se - weä soll dat se?
Dat soll se met Nam genannt . . ."

Und hier folgen die Namen der Schönen und ihres Maiburschen. Die Maijungen erwarten dabei, dass das Mädchen, beglückt über den ihr solchermaßen angelobten Maischatz, sich alsbald mit einer Spende dankbar erweist. Früher bestand diese Spende fast ausschließlich aus einem Körbchen mit Eiern, heute sind an ihre Stelle mehr und mehr Flaschen mit einem in der kühlen Mainacht erwärmenden Inhalt oder, noch materieller, Geldspenden für die Kasse der Maijungen getreten — immer vorausgesetzt, dass die Maibraut mit ihrem Schatz einverstanden ist. ist sie es nicht und gehen die Maijungen leer aus, streuen sie der allzu Sparsamen Häcksel vor die Haustür. Dem Mädchen aber, das sich als Großzügigste erweist, wird der Maibaum vor die Tür gepflanzt. Sie ist Maikönigin und wird am Arm des Maikönigs und mit großem Gefolge zum Maiball durch den Ort geleitet.

Jungenspiele auf dem Mark in Würselen

Jungenspiele auf dem Mark in Würselen

Drei Wochen nach Pfingsten, am Tag der großen Würselener Kirmes, treten die Maijungen dann noch einmal in Aktion — mit den Jungenspielen. Inzwischen haben auch die St. Sebastianus-Schützen am Pfingstmontag aus alten Büchsen und mit selbstgegossenen Bleikugeln den Königsvogel geschossen und ihren Schützenkönig ermittelt. Der Ortsteil, in dem der Schützenkönig wohnt, stellt bei den Jungenspielen das „Königsspiel".

Jungenspiele auf dem Mark in Würselen

Jungenspiele auf dem Mark in Würselen

Da es aber mehrere Ortsteile mit eigenen Schützengesellschaften und mithin mehrere Schützenkönige gibt, marschieren am Sonntag der Jungenspiele auch mehrere Königsspiele durch die Stadt auf den Marktplatz, wo eine große Schau mit den fast artistischen Darbietungen der Fahnenschwenker und der radschlagenden „Pritschenjungen" eines jeden Jungenspiels viele Tausend Zuschauer aus nah und fern anlockt. Die Maijungen mit Strohhüten und bunten Schärpen, am Arm ihre Maibräute, die Schützengesellschaften in ihrer traditionsreichen Tracht, dazwischen die Fahnenschwenker und Pritschenjungen, die Musikkapellen und Trommler- und Pfeiferkorps — das Ganze formiert sich anschließend zu einem farbenprächtigen Umzug durch die geschmückten Straßen der Stadt. Eine bessere Einleitung der jährlichen Kirmes lässt sich wohl kaum denken. Besonders festlich verliefen die Jungenspiele aus Anlass der 1100-Jahrfeier der Stadt. Unter den sechs teilnehmenden Jungenspielen befand sich nach rund 60 Jahren auch erstmals wieder ein Spiel aus dem Ortsteil Oppen.

Fahnenschwenker

Fahnenschwenker


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