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Im Folgenden wird ein Text zitiert, den der Postmeister Kreutz in den dreißiger Jahren schrieb. Er hat eine Chronik geschrieben, die natürlich nicht nach heutigen Maßstäben zu messen ist, also keinen wissenschaftlichen Charakter hat.

Es ist vielmehr der Text eines an der Heimatgeschichte interessierten Würselener Bürgers, der hier in seinem Abschnitt „Wirtschaft, Industrie, Gewerbe“ wiedergegeben werden soll: „Früher waren Ackerbau und Viehzucht die Hauptbeschäftigung und der Haupterwerbszweig der Bewohner. Dazu wurden Nebenzweige der Landwirtschaft wie Bienenzucht betrieben. Durch das Aufblühen der Industrie in den letzten 50 Jahren (1880 bis 1930 sind gemeint) ist die Landwirtschaft als Erwerbszweig an die zweite Stelle gerückt. In früherer Zeit war der Wurmfluss von Bedeutung für das Gewerbe. Er entspringt im Aachener Wald und tritt in das Gebiet von Würselen von Süden her durch die Wurmbenden ein. Hier hat er die vormals bestehenden zwei Getreidemühlen, die Wolfsfurthermühle (später Tuchfabrik) und die Adamsmühle, außerdem sechs Kupfermühlen sowie ein Pumpwerk der Kohlengrube getrieben. Wie bedeutend der Kupferhandel früher hier war, erhellt daraus, dass 1732 die Würselener Kupferschläger eine mitgliederreiche Bruderschaft und Unterstützungskasse gründen konnten. Auch die Nadler hatten im Quartier Würselen ihre eigene Bruderschaft. Neben Kupferhandel und Nadelfabrikation blühte das Gewerbe der Tuchmacher. Auch waren die Würselener Pflasterer bekannt und gesucht. Von der einst hier blühenden Gewehrfabrikation ist längst keine Spur mehr vorhanden. An ihre Stelle ist das Nadlergewerbe getreten, das heute noch etwa 200 Arbeiter beschäftigt.

Ältester Steinkohlebergbau Europas

Die reichen Bodenschätze an Kohle gaben im Wurmbezirk schon frühzeitig Anlass zu berg-baulicher Tätigkeit. Der Steinkohlenbergbau in unserer Gegend ist wohl der älteste in Europa. Der systematische Abbau der Kohle im Wurmbezirk ist schon im 14. Jahrhundert - etwa 1353 - nachweisbar. Im Jahre 1602 sind im Gebiet von Würselen folgende Gruben erwähnt: Schluffert in Scherberg, die gut Ley (jetzige Grube Gouley) und „Gesellen des stoinen Crütz“.

Nach dem damaligen landesherrlichen Recht galt als Eigentümer der Kohlen der Eigentümer der Erdoberfläche, unter der sie lagerten. Trat der Grundeigentümer das Abbaurecht einem anderen ab, so musste dieser ihm eine laufende Entschädigung, den Erbpfennig, zahlen, d. h. einen bestimmten v.H.-Satz der Bruttoeinnahme. Das Hoheitsrecht über die Kohlengruben in Würselen und Morsbach hatte die Stadt Aachen, die für die Ausbeute die Genehmigung erteilte und dafür eine Gebühr - die Maipacht - erhob.

Die Kohlenförderung mit den damals bekannten einfachen Mitteln war mühsam und kostspielig.

Die Förderung erfolgte in Kübeln mittels Pferdeförderhaspel. Die Magerkohlen wurden in Säcken auf Pferden bis nach Düren, Eupen und Monschau gebracht. Führer und Pferd hießen im Volksmunde „Kohlegidse“. Im 18. Jahrhundert begann das Kapital, sich für die Kohlen zu interessieren. Die Kleinbetriebe verschwanden. Mit Hilfe des Kapitals und der Dampfkraft blühten die Gruben auf. Im Jahre 1805 hatten die Familien Wültgens und Englerth in Eschweiler den gesamten Abbau im Wurmbezirk in ihre Hand gebracht. Sie wandelten den Betrieb im Jahre 1834 in eine Aktiengesellschaft - den Eschweiler Bergwerksverein - um, der noch heute im Besitz fast des gesamten Steinkohlenbergbaues im Wurmbezirk ist. Aus den kleinen Anfängen einer Familiengründung hat sich der Eschweiler Bergwerksverein durch zähe, tatkräftige und weitblickende Arbeit seiner Gründer zu einem der größten Industrieunternehmen des Rheinlandes entwickelt, durch das von den 195.000 Einwohnern des Landkreises Aachen etwa 42.000 Arbeit und Brot haben. Davon entfallen auf die Stadt Würselen rund 10.000.

Zigarren aus Würselen

Eine gute Entwicklung hatte auch die Zigarrenherstellung zu verzeichnen. Eine große Anzahl der Einwohner fand in den Zigarrenfabriken in Würselen und Aachen Arbeit und Brot. Allein in den beiden größten Zigarrenfabriken in Würselen - Gebr. Philips und Schnorrenberg - waren bis zum Weltkriege über 300 Arbeiter beschäftigt. Leider ist das anders geworden. Der Betrieb Schnorrenberg ist ganz eingegangen, der von Gebr. Philips hat nur noch geringe Bedeutung. Durch den Verlust der Kreise Eupen und Malmedy ging den Werken ein großer Teil der Kundschaft verloren; die nach dem Kriege einsetzende und anhaltende Verschlechterung der Wirtschaftslage brachte den völligen Stillstand. Jetzt bestehen nur noch kleinere Betriebe. Eine Scheinblüte lebte um 1920 nochmals auf. Neben den beiden größeren Fabriken taten sich etwa 200 kleinere und kleinste Betriebe auf, die aber eine nur kurze Lebensdauer hatten und fast alle eingegangen sind.

Deutschlands erste Ammoniaksodafabrik

Von großer Bedeutung für das Erwerbsleben in Würselen war die 1871 gegründete Chemische Fabrik Honigmann, die vor dem Kriege über 500 Arbeiter beschäftigte. Das Unternehmen ging im Jahre 1912 durch Kauf für 17 Millionen Mark an die Deutsche Solvaywerke AG in Bernburg über. Der Kauf soll damals zu dem Zwecke erfolgt sein, die unbequeme Konkurrenz des Werkes auszuschalten. Der Betrieb wurde noch bis 1930 mit 200 Arbeitern weitergeführt. Dann erfolgte die Stillegung, für die als Grund „schlechte Wirtschaftslage und das Fehlen eines Wasserweges“ angegeben wurde. Namentlich das Fehlen des Wasserweges hat die Stilllegung herbeigeführt, weil die Herbeischaffung der Rohstoffe gegenüber den anderen Werken zu hohe Kosten verursachte. Über Absatzmangel hat die Firma in Würselen aber auch bei Einrechnung der hohen Zufuhrkosten nie zu klagen gehabt, weil die Ware wegen ihrer guten Beschaffenheit immer reichlich Abnehmer fand. Nach der Stilllegung hat die Firma ihre anderen Niederlassungen, bei denen Wasserweg und Rohstoffe vorhanden oder in der Nähe waren, entsprechend vergrößert. Anzuerkennen ist, dass die Firma die brotlos gewordenen Arbeiter in vorbildlicher Weise abgefunden hat.

Nun sind die weitläufigen Fabrikanlagen und die hohen Kamine niedergelegt. Von der einst so blühenden Industrieanlage sind der Stadt Würselen nur die weithin sichtbaren weißen Schlackenberge geblieben.

Wirtschaftskrise

In den Jahren 1929 und 1930 machte sich die Verschlechterung der Wirtschaftslage, die schon vorher eingesetzt hatte, empfindlich bemerkbar. Die Zahl der Arbeitslosen stieg fortgesetzt, auch durch Stilllegung Aachener Betriebe. Aachen beschäftigte immer 1.800 Würselener Arbeiter. Die Grube Gouley musste monatlich 2 bis 3 Feierschichten einlegen. Auch wirkte der wiederholte Abbau der Löhne und Gehälter ungünstig auf die Kaufkraft ein, so dass Handel und Gewerbe empfindlich zurückgingen. Soweit der Bericht von Postmeister Kreutz. Wenn auch heute bekannt ist, dass der Kohleabbau bis ins 12. Jahrhundert zurückzuverfolgen ist, kann man dennoch davon ausgehen, dass die anderen Angaben, die der Chronist machte, zutreffend sind.

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Zigarrenfabrik Bischoff 1969

1969, kurz vor dem Abriss: Zigarrenfabrik Bischoff (ehem. Philips) an der Haaler Straße.

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Zigarrenfabrik Schopen 1921

Auch dieses Gebäude existiert nicht mehr: ehemalige Zigarrenfabrik W. Schopen in der Bahnhofstraße (1921).

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Fabrikgebäude Singer 1935

Fabrikgebäude der Firma Singer 1935 (früher Zigarrenfabrik Zimmermann).

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Nadelfabrik Queck 1921

Die ehemalige Nadelfabrik Gebr. Queck, 1872 gegründet, in ihrem baulichen Zustand 1921.

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Solvaywerke (Fabrik Honigmann) 1920

1871 war die Chemische Fabrik Honigmann gegründet worden, die erste deutsche Ammoniaksodafabrik, die später bis zu 500 Arbeiter beschäftigte. 1912 wurde das Unternehmen an die Deutsche Solvaywerke AG verkauft. 1928/1929 fanden immer noch bis zu 200 Arbeiter und Angestellte dort eine Beschäftigung, dann wurde der Betrieb stillgelegt.

Bis heute lagern Rückstände dieser Industrie bei Teuterhof im Wurmtal und in der Innenstadt rechts und links der Elchenrather Straße. Das Bild zeigt den Betrieb um 1920.

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Abriss Solvaywerke 1935

1935 wurden die Solvaywerke schließlich abgerissen und die Schornsteine gesprengt.

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Tuchfabrik Wolfsfurth

Tuchfabrik Wolfsfurth. Nach über 100 Jahren Produktion wurde 1927 der Betrieb eingestellt.

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Grube Teut 1880

Das Feld der Grube Teut erhielt 1851 eine neue Konzession. Die »Neue Teut« wurde gebaut etwa an der jetzigen Kreuzung Teutstraße/Martin-LutherKing Straße. 1880 wurde diese neue »Teut« im Foto festgehalten.

Seite 181 - unten - Die Fa. Recker existiert nicht mehr. Heute steht dort eine Einkaufs-Mall. -

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Königsgrube

Auf dem Gelände der heutigen Reckerwerke errichtete der Stolberger Freiherr von der Goltz 1840/1841 die Königsgrube, die 1852 - bereits in anderem Besitz - zunächst stillgelegt wurde. 1864 wurde der Betrieb wieder aufgenommen, das Bild zeigt die Grube 1880. Später wurden die Felder der Würselener Gruben von Gouley aus weiter abgebaut.

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Grube Gouley 1958

Blick auf das Zechenhaus und die Gesamtanlage der Grube Gouley. Dieses Foto entstand bei einem Fotowettbewerb der Stadt Würselen 1958, also 11 Jahre vor der Schließung der Zeche.

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Casino Morsbach 1970

Das alte Casino in Morsbach (Aufnahme von 1970) bot lange Zeit den Kumpels ein Heim. Das Gebäude sollte schließlich ein Jungendzentrum werden, doch der schlechte bauliche Zustand machte den Abriss unumgänglich.

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Grube Furth

Grube Furth

Seite 186 -  unten - Grube Furth -

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Grube Furth

Bardenberg war eine Zeit Mittelpunkt des Kohlebergbaues im Wurmrevier, Sitz der Wurmknappschaft, der Bergschule und des Knappschaftskrankenhauses.

Eine von mehreren Gruben war die Grube Furth, der 1769 das Bergwerksrecht verliehen wurde und die 1883/1884 stillgelegt wurde.

Berühmt war diese Grube durch die Fahrkunst. Diese, angetrieben durch ein Wasserrad und durch Transmissionsstangen über ein am Gebäude eingebautes Kunstkreuz in die senkrechte Richtung übertragen, ermöglichte das Ein- und Ausfahren der Bergleute. Die Verankerungsstelle des Kunstkreuzes am Haus ist auf dem unteren Foto noch deutlich zu sehen (im Giebel).

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Ziegelwerk Rahser

Das »Ziegelwerk« Rahser findet sich bereits auf dem Stadtplan von 1905, und zwar an der Oppener Straße. Geschichtswissenschaftler schließen nicht aus, dass bereits in römischer Zeit dieses Handwerk in Würselen vorhanden war. Der Name „Kaninsberg“ wird von dem lateinischen Wort caminus hergeleitet, etwa mit Ofen, Feuerstätte zu übersetzen, vielleicht also Ziegelbrennerei bedeutend. Übriggeblieben ist der Name »Rahser« für ein Neubaugebiet neben der Oppener Straße, wo 1961 die Ziegelei abgerissen worden war. Bürger aus Oppen gründeten wenig später einen Karnevalsverein, die »Sejjelbäcker« (Ziegelbäcker), so dass eine alte Würselener Berufsbezeichnung in einem Vereinsnamen weiterlebt.

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Konsumverein Friedrichstrasse 1921

Wirtschaftsgebäude des Konsumvereins Eintracht an der Friedrichstraße im Jahre 1921.

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Fuhrpark der Konsum Genossenschaft

Die Konsum-Genossenschaft Eintracht verfügte über einen imponierenden Fuhrpark (um 1930).

Seite 194 - heute Sägewerk Eigelshoven - Das Gebäude der Mühle wurde 2011 gesprengt. -

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Salmanus Muehle 1939

St. Salmanusmühle um das Jahr 1939. Das Futtersilo wurde unmittelbar vor Kriegsbeginn erbaut.

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Hof Delahaye 1938

Dieses Luftbild aus dem Jahre 1938 zeigt das Haus und den Hof Delahaye, erbaut 1775, mit dem zugehörigen Hof und Obstwiesen.

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Hof Willms (Quember-Hof)

Hof Willms in Vorweiden, 1773 erbaut als »Quember-Hof«, das Bild stammt auch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg.

Landeplatz Merzbrück

Im 1. Weltkrieg als Feldflughafen angelegt, beschlagnahmte nach dessen Ende zunächst die belgische Armee »Merzbrück« und baute dort einen Militärflughafen.

Bis zum 29. Juni 1930 sollte es schließlich dauern, ehe Merzbrück als Flugplatz unter deutscher Regie eingeweiht wurde. Das Bild zeigt Merzbrück vor dem 2. Weltkrieg.

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