Geboren 1932, kam ich in eine deutsche Welt, die noch nicht endgültig entschieden hatte, ob denn Hitler nicht doch besser sei als die erst junge und ungewohnte Demokratie, in deren Tohuwabohu von Rechten, Linken, linken Rechten, rechten Linken, Liberalen und Klerikalen sich kein Mensch mehr auskannte und die auch mit der Arbeitslosigkeit nicht fertig wurde.

Manch einer wünschte sich im Stillen wieder einen deutschen Kaiser.

Doch 1933 kam Hitler, dem man eben mehr zutraute, und der war (aber das kam erst viel später ans Licht) entschieden kompromissloser in der Wahl seiner Mittel auf dem Weg nach oben als die Nachfahren der Frankfurter Paulskirche.

Von all dem hatte ich natürlich keine Ahnung, als ich am 18. August als Löwe in Steißlage auf die Welt kam, assistiert von Dr. Böker und Frau Jung, die allen fünf Kindern von Kathrinchen und Franz auf die Welt halfen. Natürlich zu Hause. Willi 1927, Cäcilie 1929, dann ich 1932: wir drei wurden mit ihrer Hilfe oben in Linden bei Michaelis geboren, wo wir damals wohnten. Helene kam 1934 in der Rathausstraße 4 zur Welt und Gerda kam mit ihrer Hilfe 1942 in der Wilhelm-Gustloff-Straße 53 c (so hieß die ehemalige Rathausstraße und heutige Fronhofstraße damals) ans Tageslicht in 1938 erbauten Haus der Johnen's.

Aus der ersten Zeit bei Michaelis habe ich natürlicherweise keine Erinnerungen, später war ich mit Vater oft dort. Michaelis hatten einen riesengroßen Garten und waren evangelisch. Was der Freundschaft der beiden Familien jedoch keinerlei Abbruch tat, obschon die Religionszugehörigkeit in meiner Jugend noch eine große Rolle spielte. Michaelis hatten zum Garten hin eine große, schöne Veranda mit einem großen Fliegengitterschrank für Lebensmittel, der immer sehr anziehend auf mich wirkte. Auch hatten sie einen damals sehr seltenen Kachelofen, der im Winter eine wunderbare Wärme abgab.

Herr Michaelis ist früh gestorben, ich habe in nicht gekannt. Er war Bienenzüchter, wie Vater. Die Hälfte des großen Bienenstandes hat Vater beim Hausbau 1938 mit nach Linden geholt. Von diesem Bienenstand wird in diesem Büchlein noch öfter die Rede sein. Er musste erst weichen, als Lene und Martin Kuck 1971 dort bauten.

Frau Michaelis war immer gut zu mir, ich bekam immer etwas zu essen. Michaelis hatten vier Kinder: Grete, Hans, Else und Hilde. Alle waren blond bis auf Hilde, die als einzige die schwarzen Haare ihrer Mutter hatte und die scherzhaft das Zigeunerkind genannt wurde.

Wenn wir zu Michalis gingen, dann ging's von uns aus in die Pützgracht, am Ackersweiher vorbei und durch den Hohlweg. Halbwegs Richtung Euchen kam dann eine Abzweigung nach links durch die Felder. Dieser reine Feldweg kam etwas oberhalb der Ziegelei von Kappertz aus, neben den Häusern, die man damals "die neu Böj" nannte. Diese Häuser hatte die Gemeinde bauen lassen, um dort sozial benachteiligte Familien unterzubringen, Familien, die meistens "enne janze Rammel Pute""eine ganze Menge Kinder" hatten.

Helene kam also auf der 1.Etage in der Rathausstraße 4 zur Welt. Unten wohnte die Familie Leonhard Maaßen mit Margarethe, Tinni und Josef, mit denen wir uns gut verstanden. Das Haus war das ehemalige Haus des Bürgermeisters.

Das Haus daneben war das Bürgermeisteramt von Broich-Linden, jetzt war es die Polizeistation mit Anton Dörsch und Franz Mandelartz. Im Haus wohnten Dörsch, Kather und die alte Frau Scherberich. Im Keller war das "Kittchen".

Egon Dörsch war als Nachbarskind mein erster Spielkamerad. Er war nur wenig älter als ich, doch viel kräftiger. Er war auch in der Schule eine Klasse über mir, da er vor und ich nach dem Stichtag geboren war. Einmal bekam er zu Weihnachten ein Paar Boxhandschuhe, mit denen er mich ganz ordentlich vertrimmte. Deshalb kann ich das Boxen bis heute zu nicht leiden.

Kather waren auch "kinderreich" wie wir. Herr Kather war Fahrer bei Kronenbrot und hatte neben dem Haus von Amberg/Heinrichs (heute Kronenbrot) einen langen, aber schmalen Garten, der an die Hauswiese von Wilhelm Beckers grenzte, die heute ganz bebaut ist. Die Möhren aus diesem Garten schmeckten besser als die aus unserem.

Gegründet 1865 als Bäckerei in Linden-Neusen wurde Kronenbrot im Laufe des 20. Jahrhunderts als Familienunternehmen (Familie Maiz) zur Großbäckerei, die bis ins Jahr 2019 viele Vollversorger im Rheinland mit frischem Brot versorgte. Die Firma Kronenbrot wurde im Juli 2019 geschlossen. 530 Mitarbeiter verloren ihre Arbeit.

Vom Haus zur Schule waren es nur ein paar Schritte. An die Einschulung erinnere ich mich nicht mehr, nur an unsere erste Lehrerin, Fräulein Wolf, die fast immer Pfefferminz- oder Veilchenpastillen lutschte. Für mich Sechsjährigen war sie die schönste Frau der Welt und ich wäre für sie durchs Feuer gegangen.

Das Haus, in dem wir wohnten, hatte ein großes Treppenhaus mit einem dicken, stark abschüssigen Geländer, auf dem man schnell nach unten rutschen konnte, doch das war leider verboten. Auf der Außentreppe dieses Hauses wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben fotografiert, zusammen mit Cäcilie, Lene und Gisela Böker.

Wir hatten auch einen großen Balkon, der damals oft genutzt wurde, denn es gab noch keinen Straßenlärm, denn erstens war die Straße ungepflastert, zweitens gab es - mit Ausnahme von Dr. Böker - in der Straße noch keine Autos und drittens war die Ein- und Ausfahrt von Kronenbrot zur Hauptstraße hin, direkt neben dem Schulgässchen der alten Schule. Auf "unserer" Straße bewegten sich mithin Pferdefuhrwerke, Vieh, Handwagen und das Auto von Dr. Böker.

War schönes Wetter, so ging Vater sonntags mit mir - manchmal war auch Lene dabei - Spazieren. Meist Richtung Broicher Wald / Broicher Weiher / Broicher Mühle. Die erste Möglichkeit war durch die Pützgracht nach Broich, vorbei an Gottfried Kellenters " Broicher Häuschen ", dann dem Bach folgend an der "Rollmopsfabrik" und an "Schunke Kisskull" vorbei. Vor dem Weiher kam noch ein Sumpfgebiet mit Sumpfotterblumen, viel Wiesenschaumkraut und mehreren Quellen, von denen heute dort noch einige existieren.  Ein zweiter Weg führte übers Osterfeld entlang der Ley-Siedlung und der Randsiedlung bis vor den Blumenrater Berg, von dort aus entlang dem "Schlammweiher" und dem "richtigen" Weiher zur Mühle.

Der längste Weg war durch die Pützgracht und übers Feldchen bis kurz vor Euchen, dann rechts ab, an Wiesen vorbei und über die Broicher Straße hinweg durch die Felder bis zur Eiche mit dem Kreuz, den Hohlweg hinunter zur Mühle. Welcher Weg auch immer genommen wurde, es gab immer eine Pause und ein Glas "Frischgeist" (so nannte man früher die Limonade), entweder bei Mertens in der Mühle oder bei Kellenter in Broich. War Vater besonders guter Laune, dann durfte ich für einen Groschen aus einem Drehautomaten eine schokoladenüberzogene Nougatraute ziehen, woher es wohl kommt, daß ich heute noch leidenschaftlich gern Nougat esse.

Doch vom Nougat wieder zur Sumpfwiese. Hatte es stark geregnet, war dieser Weg zur Broicher Mühle ein rechtes Abenteuer, denn man musste über einen Brettersteg, dem einige Bretter fehlten, sodaß man das Wasser unter sich nicht nur hörte, sondern auch sah, wie es gurgelnd und schäumend in den unteren Weiher strömte. Das Weihergebiet bestand aus drei Weihern: dem Mühlenweiher, der relativ sauber war, einem Zwischenweiher zur Regulierung und dem eigentlichen Schlammweiher vor der Randsiedlung, der zur Klärung der Kohlenschlämme diente, die von der Mariadorfer "Kull""Kohlegrube" aus über eine Rohrleitung entlang der Blumenrather herangeführt wurden. Dieser Weiher wurde manchmal trockengelegt und der Bodensatz, ein kohlehaltiger, fetter Schlamm, wurde abgebaut und als billiges Heizmaterial verkauft. Wir haben Schlamm noch bis etwa 1951 gebraucht. Er diente vor allem als "Gedecks", einer langsam brennenden Abdeckung der Koks- oder Kohlenlage der Heizung während der Nacht.

Der Weiher war die natürliche Entwässerung seiner näheren Umgebung, nach Norden hin von einer sandigen Hügelkette umgeben, die mir damals sehr hoch erschien. In Richtung Ofden stand oben auf dieser Anhöhe ein dichter Fichtenwald, der, wie die Gruben, dem Eschweiler-Bergwerks-Verein EBV gehörte und "die Kull" mit Holz versorgte, vor allem mit Strebholz für die Gewerke untertage. Deshalb wurden solche Wälder nicht alt, und nach dem Krieg war auch dieser Wald ruckzuck innerhalb kürzester Zeit in der Kull verschwunden.

Etwa in der Mitte der Weiherlandschaft verlief ein ginsterverdeckter, steiler Pfad nach oben zum Plateau. Dort stand ziemlich frei eine Kiefer, von deren unterster Astgabelung man unser Haus sehen konnte. Zuletzt gesehen habe ich diesen Baum 1953, bin auch nochmal raufgeklettert. Später war er verschwunden.

Wie gesagt, waren wir bei schönem Wetter sonntags immer unterwegs, manchmal gingen wir zu Onkel Johann nach Neusen, wo wir dann schon mal Onkel Klaus und Onkel Gustav trafen. Hier, im Sträßchen, waren Vater und seine 12 Geschwister geboren. Vaters Eltern waren schon länger tot, sonntags nach dem Hochamt gingen wir zu ihren Gräbern, die etwas auseinander lagen, denn Peter-Josef Johnen starb bereits 1919 und seine Frau Lena 1922. Den ungefähren Platz dieser Gräber auf dem alten Friedhof hier kenne ich noch heute.

Manchmal ging's auch zu Onkel Josef nach Weiden, zum Eifelblick. Dann wurde ich "gut" angezogen, denn Tante Agnes achtete sehr hierauf, was Mutter genau wusste. Auch die "Tant Bäbb" (Steinbusch), eine Schwester von Vaters Mutter, besuchten wir manchmal. Sie wohnte in der "Graat", dem letzten Stück der Broicher Straße vor der Neusener Kreuzung. Tant Bäbb war ein lebhaftes, kleines Persönchen mit einem Gesicht wie ein verschrumpelter Apfel und immer guter Laune. Oft bekam ich von ihr eine saftig - leckere Birne. Für diese Birnen war sie in der ganzen Familie bekannt.

Die schönsten Spaziergänge waren und blieben für mich jedoch die, die durch Felder und Wiesen hingingen in den Broicher Wald und zum Broicher Weiher.

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