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Stadt Würselen

 

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 Aufbereitung für elektronische Medien

Dr. Karl-Wilhelm Hirsch

Vorwort für die Aufbereitung des Buches für elektronische Medien

 


Verwertungsrechte, Veröffentlichungsrechte

Die Verwertungsrechte für das Werk liegen bei der Stadt Würselen als Herausgeber.

Mit Schreiben vom 15.01.2019, Aktenzeichen 11.02.06.60, hat der Bürgermeister der Stadt Würselen die Genehmigung erteilt, dieses Werk auszugsweise im Vollzitat mit Quellennachweis auf der Webseite www.webwuerselen.de zu veröffentlichen


Erster Teil

Geschichte einer Stadt

(im Vollzitat)

 

Inhalt

     


Zweiter Teil

Würselen heute

(ausgewählte Bilder)

Würselen heute - ausgewählte Bilder

 

 

Eine Münze, die nach dem Gottesdienst im Klingelbeutel der Würselener Pfarrkirche St. Sebastian gefunden wurde, gehört zu den frühesten historischen Zeugnissen über die Geschichte der Stadt Würselen. Ein Bauer hatte sie vielleicht beim Pflügen auf seinem Acker gefunden und sich, da er sie wegen der fremden Aufschrift für wertlos hielt, bei der Kollekte leichten Herzens von ihr getrennt. Sie war aber, obwohl aus einfachem Erz, ganz und gar nicht wertlos. Zusammen mit anderen Funden legt diese Münze, die ein Bildnis des römischen Kaisers Valentinian I. (364—375) trägt, Zeugnis dafür ab, dass das Gebiet der Stadt Würselen schon zur Römerzeit besiedelt war. Zwei Römerstraßen, die Straße von Malmedy über Aachen nach Geilenkirchen-Heinsberg und eine zweite von Herzogenrath nach Verlautenheide, kreuzen sich hier. Eine dritte Römerstraße bildet heute die Gemeindegrenze gegen Broichweiden.

Die an den Wegekreuzungen gelegenen Römerlager wuchsen mit der Zeit durch hinzuziehende Kaufleute, Handwerker und Bauern ziemlich regellos und ohne eigentliche Planung zu größeren Siedlungen. So wird es auch im Falle Würselens gewesen sein. Jedenfalls wurden in der Würselener Flur „Mauerfeldchen" Mauerreste und Estrichboden einer römischen Villa freigelegt, an vielen Stellen fand man Tonkrüge, Schalen und Glasgefäße, und in dem früheren Elchenrath wurden sogar Überreste einer römischen Ziegelei entdeckt. Hinzu kommen die schon erwähnten Funde römischer

Hinzukommen die schon erwähnten Funde römischer Münzen. Sie sind benannt nach dem aufgeprägten Kopf des jeweiligen Kaisers und sorgfältig nach ihrem Fundort registriert:

Münzfunde aus der Römerzeit

Münzfunde aus der Römerzeit

Kaiser Galba (68—69), Silber, gefunden 1860 in der Nähe des nach Scherberg gehenden Weges an der sogenannten Judenstatt;

Kaiser Caligula (37 - 41), Erz, gefunden 889 zwischen Dobach und St. Jobs seitlich des Grünen Wegs;

Kaiser Konstantin 'der Große (306 - 337), gefunden 1865 unweit des Bahnhofs Würselen, und schließlich die uns bereits bekannte Valentinian-Münze:

Kaiser Valentinian l, (364 - 375), Erz, gefunden im Klingelbeutel der Pfarrkirche Würselen.

Die Geschichte der heutigen Stadt Würselen, soweit sie durch historische Zeugnisse überliefert ist, beginnt also, wie so vieles im abendländischen Kulturkreis, bei den Römern. Zwar war das Aachener Gebiet bereits einige Jahrtausende vor der Römerzeit besiedelt. Man weiß aus Funden, dass schon um das Jahr 2000 vor Christus Steinzeitmenschen hier gelebt haben, aber es gibt aus dieser Zeit keine Hinweise auf eine menschliche Siedlung im Gebiet von Würselen. Dennoch sollten wir ein wenig bei der älteren Geschichte des Aachener Landes verweilen.

Töpfereien aus einem germanischen Grab bei Kaisersruh

Töpfereien aus einem germanischen Grab bei Kaisersruh

Auf die Steinzeit folgte von etwa 1800 bis 800 vor Christus die Bronzezeit. Ihr schlossen sich die älteste Eisenzeit und ab etwa 500 vor Christus die jüngere Eisenzeit an. Zu diesem Zeitpunkt siedeln im Aachener Land die Gallo-Kelten, ein ursprünglich aus Asien stammendes Volk, das sich über ganz Westeuropa ausgebreitet hatte. Die Kelten können sich jedoch nicht lange ihres uneingeschränkten Besitzes erfreuen. Von der rechten Seite des Rheins dringen germanische Stämme in das gallo-keltische Grenzland ein, unter ihnen ein besonders kriegerisches Volk, dessen wehrfähige Männer ausgezeichnete Reiter sind und das sich nun im Aachener Raum niederlässt ‑ die Eburonen.

Mit den Kelten verstehen sich die Eburonen zwar noch zu arrangieren, sie nehmen teilweise sogar deren Lebensformen an, betreiben Ackerbau und Viehzucht und schmieden aus selbst gewonnenem Eisen kunstvollen Schmuck und Waffen. Als aber im ersten Jahrhundert vor Christus römische Legionen das Land bis an den Rhein erobern, besinnen sich die Eburonen auf ihre kriegerische Vergangenheit. Im Jahre 57 vor Christus stellen sie sich zum Kampf und fügen dem römischen Heer große Verluste zu. In einem Aufstand gegen die Besatzung aus Rom werden im Jahre 54 vor Christus fünfzehn römische Kohorten vernichtet, rund 8000 Mann. Aber die Freude über diesen Sieg ist nicht von langer Dauer. Schon ein Jahr später bricht Julius Cäsar zu einem Rachefeldzug gegen die Eburonen auf, bei dem ihre Dörfer und Gehöfte niedergebrannt und die meisten Bewohner getötet werden. Das Vernichtungswerk ist auch im Aachener Raum so gründlich, dass die Eburonen fortan als geschlossener Volksteil nicht mehr existieren.

Die Römer, ließen das verwüstete Gebiet nicht lange unbesiedelt. Sie wiesen das Land westlich der Wurm den keltischen Stämmen der Segnier und Kondruser zu, während sie östlich der Wurm die Ubier, einen germanischen Stamm von der unteren Lahn, ansiedelten. Schon hier beginnt sich die Bedeutung des Wurmbaches für die späteren Gebietsansprüche abzuzeichnen: Bei allen politischen und kirchlichen Aufteilungen in den folgenden Jahrhunderten bildete die Wurm stets die wichtigste natürliche Grenze.

Das machte sich bereits im 5. Jahrhundert bei der Völkerwanderung bemerkbar, als fränkische Stämme in den Aachener Raum eindrangen. Die ripuarischen Franken (Uferfranken) besetzten das Gebiet östlich der Wurm und vermischten sich hier mit den Ubiern, während salische Franken sich in Aachen selbst und in den westlich der Wurm gelegenen Gemeinden das Gebiet mit den Kondrusern teilten. Bis in unsere Zeit können die Sprachforscher die Trennungslinie zwischen den Stämmen an den verschiedenen Mundarten feststellen.

Das ist die Gelegenheit auf die die ein germanischer Volksstamm von der rechten Seite des Rheins, schon lange gewartet haben. Aus dem Land zwischen Rhein und Weser, vom Westerwald, von der Sieg, aus dem Sauerland stoßen sie über den, Rhein vor. Zahlreiche Siedlungen fallen ihnen zum Opfer, ehe die politische und militärische Herrschaft der Römer auch im Bereich des heutigen Landkreises Aachen endgültig zusammenbricht zugleich mit dem Untergang des weströmischen Reiches im Jahre 476.

Aber die Zeit des fränkischen Reiches ist noch fern. Vorerst einmal beherrschen die Römer fast 500 Jahre den linksrheinischen Raum. Nach blutigen Eroberungskriegen und der Befestigung ihrer Herrschaft begann, auch für das Aachener Gebiet eine vielhundertjährige Friedenszeit, in der die einheimische Bevölkerung von den kulturell hochstehenden Römern vieles lernen konnte. Die Römer brachten Handwerk und Landwirtschaft zu hoher Blüte, sie entwickelten den Bergbau auf Eisen und Galmei, betrieben in vollendeter Form die Kunsttöpferei und waren Meister der Baukunst; nicht nur beim Bau von Wohnungen, sondern auch von Straßen, Brücken und Wasserleitungen. In diesen Jahrhunderten einer gesicherten, friedlichen Entwicklung wird auch die an Stelle der heutigen Stadt Würselen entstandene Siedlung am Kreuzungspunkt der beiden Römerstraßen ihren Aufschwung genommen haben. Gefahren durch feindlich gesinnte Nachbarn wurden durch die römischen Besatzungstruppen abgewehrt. So störte nichts das Bild eines ungetrübten Friedens, bis im Jahre 416 das von schweren inneren Auseinandersetzungen zerrüttete, von äußeren Feinden bedrohte Rom seine Truppen aus den besetzten Gebieten zurückrufen musste.

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 Im Folgenden werden ausgewählte Bilder aus dem Teil 2 des Buches "Würselen" vorgestellt. Das Buch ist 1969 erschienen. Dieses Jahr ist das "Heute" dieses Buches. Alle Bilder sind also von ca. 1968 oder früher.

 
 
 
Gedenkmedallie der Stadt Würselen zur 1100-Jahrfeier im Jahre 1970

Gedenkmedallie der Stadt Würselen zur 1100-Jahrfeier im Jahre 1970

 

 

Ehrenring der Stadt Würselen

Ehrenring der Stadt Würselen

 

 

Amtskette des Bürgermeisters zur 1100-Jahrfeier gestiftet vom Heimatverein Würselen

Amtskette des Bürgermeisters zur 1100-Jahrfeier gestiftet vom Heimatverein Würselen

 

 

Hallenbad am Wisselsbach

Hallenbad am Wisselsbach

 

 

Freibad am Wisselsbach

 Freibad am Wisselsbach

 

Die Kaiserstraße ist die Hauptgeschäftsstraße und wichtige Verkehrsader Würselens (ca. 1965)

Die Kaiserstraße ist die Hauptgeschäftsstraße und wichtige Verkehrsader Würselens (ca. 1965).

 

 

Sagenumwoben: Würselens „Original-Düvel“ im Turm der Pfarrkirche St. Sebastian

Sagenumwoben: Würselens „Original-Düvel“ im Turm der Pfarrkirche St. Sebastian

 

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Fast scheint es so, als hätte die Geschichte im Aachener Land an dieser Stelle eine Pause macht. Wir erfahren jedenfalls für einige Jahrhunderte nichts weiter über das Schicksal der aus den römischen Heerlagern hervorgegangenen Siedlungen. Als sich der Vorhang zum nächsten Akt öffnet, hat sich die Szenerie geändert. Die Franken haben sich fest etabliert und ein Reich errichtet, das fast das ganze westeuropäische Festland umfasst. Natürlich ist dieser Prozess wie alle Reichsgründungen nicht ohne Komplikationen abgegangen. Das zunächst regierende Geschlecht der Merowinger wurde -von den Karolingern abgelöst. Es gab schwere Machtkämpfe im Inneren des Reiches, zeitweise sogar mehrere Könige in dem geteilten Reich, bis sich schließlich, wie fast immer in der Geschichte, der Stärkste, Kühnste und Klügste durchsetzte. In diesem Fall hieß er Karl der Große.

In seiner Zeit war Aachen eines der königlichen Hofgüter, in denen der Herrscher vorüber gehend residierte - eine Hauptstadt eines Reiches kannte man noch nicht. Aachen, einst Kurbad der römischen Legionen, war zum Hofgut, zur Königspfalz geworden, zu der in der Umgebung zahlreiche königliche Nebenhöfe gehörten.

Einer von ihnen, der Salhof an der Wurm, wurde „Wormsalt“ genannt, was nicht mehr und nicht weniger heißt als eben Salhof an der Wurm. Und Salhof die Bezeichnung für einen Herrenhof, der sich allerdings in seinem Äußeren nicht wesentlich von den anderen Bauernhöfen unterschied, wenn man davon absieht, dass Herrenhaus und Speicheranlagen in der Regel etwas größere und festere Bauten waren.

Wormsalt, das ist die erste, am 17. Oktober 870 urkundlich festgehaltene Bezeichnung für die heutige Stadt Würselen. Die Weiterentwicklung des Namens von Wormsalt zu Würselen lässt sich an vielen anderen Urkunden genau durch die Jahrhunderte verfolgen.

1200: Wormsaldia

1239: Worselden

1300: Wursalda

1350: Wursulden

1372: Wörselden

1558: Wursulen

1616: Wurseln

und noch im selben Jahr Würselen.

 Natürlich ist Würselen nicht der einzige Ort; der in der karolingischen Zeit erstmals namentlich erwähnt wird. Zahlreiche Siedlungszentren entstehen in dieser Zeit oder werden zum ersten Mal urkundlich genannt. Es sind königliche Domänen, Einzelhöfe, Klöster und Wehrbauten. Viele von ihnen sind Kernzellen heutiger Dörfer und Städte geworden. Schon im 9. Jahrhundert werden neben Würselen unter anderem Laurensberg, Bardenberg, Afden, Merkstein, Kirchrath und Vaals genannt.

Mit dieser Urkunde vom 17. Oktober 870 übertrug Ludwig der Deutsche die Pfarrkirche von Würselen dem Abt Ansbold von Prüm.

Mit dieser Urkunde vom 17. Oktober 870 übertrug Ludwig der Deutsche
die Pfarrkirche von Würselen dem Abt Ansbold von Prüm.

In ihr ist erstmalig der Name Würselen in seiner damaligen Form erwähnt:
Wormsalt – das fünfte Wort in der dritten Zeile.

Wie alle anderen Bauernhöfe waren auch die Gebäude des Wormsalts und der zu ihm gehörenden Hofkirche aus Holz errichtet. Denn Würselen ist, wie die Orte in seiner Umgebung, auf Waldboden entstanden, und die Wälder bildeten eine der wichtigsten Lebensquellen, die nicht nur Bau- und Brennstoff lieferten, sondern mit ihren Beeren, Bucheckern und Eicheln auch wertvolles Futter für die Viehmast.

Der Würselener Salhof lag, wie man mit Sicherheit annehmen darf, in der Nähe der ersten Würselener Kirche, die ja als Hofkirche dienen sollte. Man vermutet, dass ihr Platz sich ungefähr an der Stelle befunden hat, an der heute die Pfarrkirche St. Sebastian steht. Warum gab es hier auf dem königlichen Nebenhof, schon so früh eine eigene Kirche?

Karl der Große musste seine Nebenhöfe in kirchlicher Hinsicht selbständig machen, wenn nicht die wohldurchdachten Vorschriften seiner Landgüterordnung in wichtigen Punkten unwirksam werden sollten. Im 54. Kapitel dieser ausführlichen, für die Verwalter der einzelnen königlichen Güter bestimmten Verordnungen heißt es nämlich, die Gutshörigen dürften sich nicht vor, der Arbeit drücken indem sie sich an anderen Orten herumtrieben, sei es auf Jahrmärkten oder unter dem Deckmantel Erfüllung kirchlicher Verpflichtungen. Wollte also der Kaiser verhindern, dass seine Hofleute zur Erfüllung wirklicher oder angeblicher religiöser Pflichten öfters der Arbeit fernblieben und nach Aachen zogen, so musste er ihnen Gelegenheit geben, auf dem Hof selbst diesen Pflichten nachzukommen Daher die frühzeitige Gründung von zwei Hofkirchen außerhalb Aachens, die eine in Würselen, die andere in Laurensberg, ebenfalls einem königlichen Nebenhof.

Übrigens erwies sich dabei die Wurm erstmals auch als kirchliche Grenzlinie: Die Höfe auf der rechten Wurmseite „over Worm“ und damals auch Würselen gehörte zur Diözese Köln, die auf der linken Seite zur Diözese Lüttich.

Gab es auf diese Weise für die Nebenhöfe eine gewisse kirchliche Selbständigkeit, so befanden sie sich andererseits in einer starken wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Aachener Pfalz als dem Haupthof. Auf den Nebenhöfen waren vor allem Schmiede, Bäcker Zimmerleute, Schuster und natürlich Bauern tätig. Sehr wahrscheinlich wurde das Getreide von den Feldern des Würselener Hofes schon in frühester Zeit im Wurmtal von einer königlichen Mühle verarbeitet. Von der Wolfsmühle im Wurmtal weiß man, dass sie schon lange vor dem Jahre 1200 bestanden hat. Die Aufsicht- und Verwaltung auf der Wormsalt oblag - wie bei allen Hofgütern - einem „Meier“. Bei dieser Amtsbezeichnung hat das lateinische Wort „maior“, der Größere, Pate gestanden. Alle übrigen Hofinsassen waren mehr oder weniger unfrei, der Gutsherr gebot direkt über die Person der Untertanen. Noch im 11. Jahrhundert war das gesamte niedere Beamten-, Bauern- und Handwerkertum und Gesinde der königlichen Höfe und ihrer Nebenhöfe Leibeigene.

Das änderte sich, zumindest für die Bewohner der Aachener Pfalz, im Jahre 1166. Kaiser Friedrich Barbarossa aus dem Haus der Hohenstaufen, das inzwischen die deutschen Herrscher stellte, verlieh Aachen die Stadtrechte - Markt, Mauer, Maut (Zollrechte) und eigene Münze - und allen in Aachen Geborenen die persönliche Freiheit. Das Eigentum der Krone an der Pfalz war durch Schenkungen der Kaiser und Könige an treue Gefolgsleute, an Klöster und Stifte im Laufe der Jahre wahrscheinlich stark zusammengeschmolzen. Andererseits hatte sich das Wohngebiet rund um die Pfalz durch Kaufleute und Gewerbetreibende, die sich dort niederließen, so vergrößert, dass die Verleihung der Stadtrechte den folgerichtigen Abschluss dieser Entwicklung bildete. Bei den Krönungsfeierlichkeiten und glanzvollen Reichstagen, die in Aachen stattfanden, werden die Nebenhöfe umso stärker für die Beherbergung der fürstlichen Gäste und ihres Gefolges herangezogen worden sein, je kleiner der Haupthof in Aachen wurde.

Jedenfalls hatte sich an den Verhältnissen auf den Nebenhöfen im Vergleich zu Aachen wenig geändert. Sie scheinen auch im 13. Jahrhundert als Königsgüter noch unter direkter königlicher   Verwaltung gestanden zu haben. Darauf deutet ein Ereignis aus dem Jahre 1214 hin, als die inzwischen selbstbewusst gewordenen Bürger der Stadt Aachen dem König eine Aufnahme in ihre Stadt verweigerten. Friedrich II. kehrt um und wendet sich mit seinem zahlreichen Gefolge wohin? Zu Königshof Wormsalt, wo er im Gegensatz zu Aachen nach wie vor willkommen ist und Unterkunft findet.

In einer Hinsicht allerdings hat sich auch auf den Nebenhöfen in der Umgebung Aachens im Laufe der Jahrhunderte einiges getan: sie sind mit der Zeit immer größer geworden, Wälder werden gerodet, neue Felder urbar gemacht, die Zahl ihrer Bewohner steigt, Ländereien werden abgetrennt, auf denen neue Güter und Höfe entstehen - kurzum, die ursprünglichen karolingischen Höfe bilden den Kern von Dörfern, die langsam um sie herum entstanden sind und weiter und weiter wachsen. Bald nennen sich diese Dörfer, die als „Kaiserland" unmittelbar dem Kaiser unterstehen, stolz Reichsdörfer und kehren damit den Gegensatz zu den „landsässigen“ Dörfern heraus, die den jeweiligen Landesfürsten zu ihrem Herrn haben.

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Aus dem früheren Königshof Wormsalt ist damit im 14. Jahrhundert das Reichsdorf Wursulden geworden. Es ist, wie andere Dörfer in der Umgebung, mit der Stadt Aachen und ihren Behörden aufs engste verbunden dafür sorgt schon die gemeinsame karolingische Vergangenheit. Dafür sorgt aber auch eine kaiserliche Urkunde Ludwigs IV. aus dem Jahre 1336 in der den Aachener Bürgern bestätigt wird, dass „diese innerhalb der Bannmeile der Stadt Aachen gelegenen Dörfern mit all ihrem Zubehör und ihren Bewohnern euch und der Stadt Aachen, wie sie es bis heute waren, ankleben und vereinige bleiben“. Und am Ende der Urkunde versichert Ludwig IV. feierlich „Wenn aber jemands, wer es auch sein mag von uns oder unseren Vorgängern unter irgendeinem Vorwande oder irgendeiner Form eine Urkunde erhalten hat, welche der gegenwärtigen widerspricht, so widerrufen dieselben und entkräften sie ganz und gar. Und das um des Friedens, der Ehre und des Vorteils des Reiches wegen.“ Nun ist zwar nicht ganz klar, welches Reich Ludwig im letzten Satz der Urkunde meint, möglicherweise das deutsche, dessen Herrscher er ist. Aber fortan existiert ein neuer Begriff in der Geschichte des Aachener Landes, der sich von nun an als Name für die Stadt Aachen und die Reichsdörfer einbürgert und Eingang in alle Urkunden findet; das Aachener Reich.

Die zum Aachener Reich gehörenden Gemeinden in der Umgehung der Stadt waren nach „Quartieren" eingeteilt. Drei von ihnen Würselen, Haaren und Weiden lagen rechts der Wurm und galten als die „Quartiere over Worm". Zwei weitere befanden sich am linken Wurmufer, Orsbach und Berg, das heutige Laurensberg. Zu diesen fünf Quartieren kam später als sechstes noch das Quartier von Vaals, dessen Name noch heute an die damalige Zugehörigkeit zum Aachener Reich erinnert: Vaalserquartier.

Das Würselen Quartier bestand aus den Dörfern Elchenrath, Grevenberg, Morsbach, Scherberg, Schweilbach und Würselen selbst, während Drisch, Haal, Oppen und Dobach damals zum Weidener Quartier gehörten.

Unter der Regierungshoheit des Aachener Rates waren die Würselener also Untertanen des Aachener Reiches geworden. Von Beginn an sehen wir die Reichsbauern als Leute, die die gleichen Rechte besaßen wie die Reichsstädter selbst - mit einer Ausnahme: Das volle Bürgerrecht blieb ihnen verwehrt und damit auch die Möglichkeit, sich an der Regierung des Aachener Reiches zu beteiligen. Aber waren sie auch zur Regierung nicht zugelassen, zugelassen waren sie als gleichberechtigte Reichssassen zum Steuerzahlen Wein-, Bier- und  Mehlsteuer belasteten sie im gleichen Maße wie die Bürger der Stadt, und der Rat achtete streng  darauf, dass nicht etwa (steuerfreies) auswärtiges Bier oder landfremden Schnaps getrunken wurden.

Hinzu kamen Grund- und Gewerbesteuer und vor allem in Kriegszeiten zahlreiche Sondersteuern. Für viele Ländereien musste außerdem der Zehnte an die Kirchen und Stifte entrichtet werden, der Lehnspfennig an den Lehnsherrn war fällig, und einmal im Jahr verlangte auch noch der Aachener Rat seinen „Maischatz“. Man sieht, an Gelegenheiten, die Taschen zu leeren, war schon damals kein Mangel.

Rechnet man noch die Quartierslasten und die mannigfachen Hand- und Spanndienste in Kriegszeiten hinzu, so kann man verstehen, dass die Bauern mitunter gegen  erneute Belastungen aufbegehrten und der Aachener Magistrat seine Stadtsoldaten ausschicken musste, um die Steuern einzutreiben.

Die erste Nachricht über Kriegsleistungen des Würselener Quartiers für das Aachener Reich stammt aus dem Jahre 1385. Damals wurde die Raubritterburg Reifferscheit belagert; und „Pauwele van Scherberch war nach alten Protokollen „10 dage myt 4 perden“ dabei auf Seiten der Belagerer.

In Jahrhunderten stellte Würselen im Aachener Reich die meisten wehrfähigen Männer. Die Waffenträger des Würselener Quartiers bildeten eine Kompanie, die „Schützerei“, die unter einem Hauptmann stand. Aus der Schützerei Würselen bildete sich 1624 die Sebastianus-Schützenbruderschaft.

War die Belastung der Dörfer durch Steuern und Kriegsdienst auch recht beträchtlich, so brachte ihnen die Zugehörigkeit zu dem größeren Schutzverband des Aachener Reiches andererseits auch großen Nutzen. Zwar konnte der Rat der Reichsstadt als Landesherr die Reichsdörfer durchaus nicht immer vor kriegerischen Überfällen und Gewalttaten brandschatzender Söldner schützen. In vielen Fällen erhielten die Reichsdörfer aber wenigstens eine Wiedergutmachung für den entstandenen Schaden, der vom Quartiervorsteher beim Magistrat angemeldet wurde.

Hier ist es nun an der Zeit, eine Amtsperson in die Geschichte einzuführen, deren Namen zunächst etwas merkwürdig klingen mag: den „Hunnen“. Der Hunne, der an der Spitze eines jeden Quartiers stand; war ursprünglich Vorsteher einer dörflichen Hundertschaft oder „Hunnschaft, woher auch sein Name abgeleitet ist.

In den damaligen Quartieren versah er das Amt, das heute sein Bürgermeister oder Stadtdirektor ausübt oder beide. Seine Vollmachten waren entsprechend groß, und doch gab es einen entscheidenden Unterschied: Der Hunne wurde nicht von den Einwohnern es Quartiers gewählt, sondern vom Aachener Rat, dem eigentlichen Regierungsorgan des Aachener Reiches, ernannt. In den einzelnen Dörfern des Quartiers standen dem Hunnen die Dorfmeister zur Seite; die für die örtliche Durchführung der Gesetze und Befehle des Rates verantwortlich waren. Sie wurden von den Bewohnern der Dörfer selbst gewählt, ebenso wie die übrigen Kirchen- und Gemeindebeamten der einzelnen Quartieres Für diese Wahlen, die jeweils am Aschermittwoch stattfanden, gab es im Quartier Würselen fünf Wahlbezirke.

Gewählt wurden - ein Kirchenmeister, der nicht nur die Kirchen-, sondern auch die Gemeindekasse und das Armenvermögen verwaltete, ein Forstmeister, ein Feldschütze, der die Polizeidienste versah und dafür von jedem Bauern auf drei Morgen Land eine Garbe Getreide erhielt, und schließlich der Küster. Er hieß damals noch „Offermann“ und wurde gleichzeitig als Gerichtsbote eingesetzt. Es verstand sich von selbst: dass alle für ein Gemeindeamt Auserwählten eingesessene, angesehene und achtbare Leute sein mussten, eine Voraussetzung, die durch alle Zeiten streng beachtet wurde.

Die Anteilnahme der Bürger an der Selbstverwaltung ihres Quartiers zeigte sich indessen nicht nur beim jährlichen Gemeindewahltag, sondern vor allem an den Gerichtstagen, an denen auch Gemeindeangelegenheiten behandelt wurden. Das gilt besonders für das Synodal- oder Sendgericht, dem ursprünglich als kirchlicher Gerichtsbarkeit nur die Rechtsprechung in Dingen des Glaubens und der Sitte zukam. So war denn auch der Vorsitzende des Sendgerichtes stets der Ortspfarrer. Ihm zur Seite standen ehrenamtlich tätige Schöffen, die in Würselen für eine Amtszeit von sieben Jahren gewählt wurden.

Mit dem Erstarken der Sendgerichte greifen ihre Vorsitzenden und die Sendschöffen immer häufiger in die Gemeindeverwaltung ein. Besonders wichtige Gemeindeangelegenheiten wurden in eigens einberufenen öffentlichen Versammlungen, den „Kirchenständen“, verhandelt. Mitunter ging die Erörterung weltlicher Angelegenheiten in den Kirchenständen allerdings der Geistlichkeit zu weit - dann nämlich, wenn die religiösen Pflichten darunter zu leiden drohten. So beklagt sich im Jahr 1613 der Würselener Pfarrer Bont bitterlich darüber, dass die Teilnehmer an den Kirchenständen „bisweilen der weltlichen Geschäfte halber während der heiligen Messe bei dem Drunk sitzen bleiben und Ärgernis geben“.

Das Einmischen der Sendgerichte in die Verwaltung der Quartiere musste früher oder später das Missfallen des Aachener Rates erregen. Vor allem in den Quartieren „over Worm“, deren relative Selbständigkeit durch die Zugehörigkeit zur Diözese Köln begünstigt wurde, drohte die Verwaltung immer mehr den Händen des Rates und ihres Hunnen zu entgleiten und auf die von den Bürgern gewählten Schöffen überzugehen.

Der Aachener Rat verfolgte diese Entwicklung mit äußerstem Unbehagen. Er hatte in der Vergangenheit wiederholt versucht, seine landeshoheitliche Stellung zu einer Einflussnahme auf die Eigenverwaltung und sogar auf die Besitzungen der Quartiere auszudehnen. Besonders bei ihren Eigentumsrechten an den wertvollen Waldgebieten mussten die Quartiere stets vor den Ausdehnungsgelüsten des Aachener Rates auf der Hut sein.

Wegen der Besitzrechte kam es häufig zu schwierigen Rechtsstreitigkeiten zwischen Aachen und Würselen, die bis vor das Reichskammergericht getragen wurden. Aber nicht nur auf juristischem Wege gerieten die streitenden Parteien aneinander, die Auseinandersetzungen nahmen mitunter auch weniger feine, dafür aber umso handgreiflichere Formen an. So wurde 1527 ein Aachener Ratsdiener in Dobach erschlagen. 1664 gar wollten sich drei Aachener Stadtsoldaten den Würselener Bürger Johannes Becker mitten aus einer Prozession herausgreifen, aus welchem Grund, ist nicht bekannt. Bekannt dagegen ist das böse Ende dieser Aktion: Die Aachener Stadtsoldaten wurden von den erbosten Prozessionsteilnehmern windelweich geprügelt und mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren.

Als 1681 die Streitigkeiten zwischen dem Rat und den Reichsdörfern wieder einmal einen Höhepunkt erreichten, schien für die Bauern in den Quartieren „over Worm" das Maß endgültig voll zu sein. Einträchtig versuchten Würselen, Weiden und Haaren sich aus dem Aachener Reich und damit aus der Abhängigkeit von Aachen zu lösen und Untertanen des Herzogs von Jülich zu werden. Ausgerechnet des Jülichers! Als ob man in Aachen nicht schon genug Ärger mit den machthungrigen Herren aus Jülich gehabt hätte! In diesem Fall siegte jedoch die politische Klugheit des Herzogs von Jülich über seinen Ehrgeiz. Unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen erschien ihm zu gewagt, das Anerbieten der abtrünnigen Quartiere anzunehmen. Denn es war vorauszusehen, dass weder der Aachener Rat noch der Kaiser diesen Gebietswechsel unangefochten hinnehmen würden. Würselen gehörte also, eben wie Haaren und Weiden weiterhin zum Aachener Reich, es blieb keine andere Wahl.

Der Einfluss der Sendgerichte auf die Verwaltung der Quartiere jedoch wurde immer stärker. Sie sind im 17. Jahrhundert das eigentliche kommunale Verwaltungsorgan, und sie verstehen es, sich der Mitwirkung der Quartiervorsteher, die jetzt nicht mehr Hunnen sondern Kapitäne heißen, der Dorfmeister, der Kirchenmeister, der Feldschütze und der Forstmeister bei der Durchführung ihrer Anordnungen zu bedienen. Natürlich kann der Aachener Rat diese Entwicklung nicht tatenlos mit ansehen. Er holt zu einem Schlag gegen die Sendgerichte aus, schränkt zunächst ihre Zuständigkeit als Organ der gemeindlichen Selbstverwaltung ein und hebt schließlich 1758 die Sendgerichte in den Quartieren ganz auf, wobei er den Reichsuntertanen befiehlt, sich nur an das „allein privilegierte“ Aachener Sendgericht zu halten. Dieser Befehl findet in Würselen schärfste Ablehnung. Der Vorsitzende des Würselener Sendgerichtes beantwortet ihn damit, dass er die höchstzulässige Strafe jedem androht, der sich unterstehen sollte, „gegen unser Sendgericht zu rebellieren und nach dem Sendgericht auf Aachen zu gehen“. Die höchstzulässige Strafe, das war der Verlust der Gemeindezugehörigkeit mit all ihren Folgen für den Betroffenen. Schon in den vorangegangenen Jahrhunderten hatte das Würselener Sendgericht stets sehr empfindlich reagiert, wenn man ihm seine Vorrechte und seine Selbständigkeit nehmen wollte und Würselener Einwohner vor ein anderes Sendgericht geladen werden sollten. Im Jahre 1479 erging sogar die bedrohliche Weisung, jeden Boten, der mit einer brieflichen Ladung vor einen auswärtigen „Send“ oder gar mit der Androhung kirchlicher Strafen käme, zu fangen. „Und er soll den Brief essen, und man soll eine Grube machen und soll den Menschen hineinlegen und Erde auf ihn werfen, bis er tot ist.

In dem ständigen Tauziehen behielten die Würselener immer wieder die Oberhand. Ihr Sendgericht wurde am Ende sogar durch die Kölner Kurie als rechtmäßig bestätigt. Der „Send" konnte unter dem Vorsitz des Pfarrers mit seinen sieben Schöffen weiterhin in der Kirche tagen - „under der Kronen“ - unter dem Kronleuchter, Recht sprechen und, so bitter es den Aachener Rat auch ankommen mochte, die gemeindliche Selbstverwaltung des Quartiers stärken. Aber so groß die Selbständigkeit einzelner Quartiere mit den Jahren auch wurde, das Aachener Reich mit der Stadt Aachen und den umliegenden Reichsdörfern blieb unter der Oberhoheit des Aachener Rates als politische Einheit unangetastet.

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Noch nachträglich muss man sich wundern, dass diese Einheit fast durch fünf Jahrhunderte erhalten blieb, wenn man heute einen Blick auf eine Landkarte aus der damaligen Zeit wirft. Nahezu zehn Nachbarstaaten mit mehr oder weniger großen Ausdehnungsgelüsten umgaben das Aachener Reich wie ein enger Ring. Wohl einzig der Tatsache, dass Kaiser und Könige immer wieder schützend ihre Hand über die einstige Krönungsstadt Aachen, den „Erzstuhl“ des deutschen Reiches, hielten, hat das Aachener Reich seinen Fortbestand auch in bedrohlichen Situationen zu verdanken.

Und deren gab es genug! Vor allem die Nachbarn im Osten die Herzöge von Jülich, die ihre Festung Wilhelmstein in Bardenberg bis unmittelbar an die Reichsgrenze herangeschoben hatten, versuchten mit schöner Regelmäßigkeit, das Aachener Reich ihrem Herzogtum einzuverleiben. Und da der Aachener Rat sich auf die Gunst seiner Kaiser und Könige allein nicht verlassen mochte, umgab er sein Reich mit einer starken Befestigung, einem Ring von Wällen und Gräben, der Landwehr, die im Volksmund Landgraben genannt wurde, Zuallererst wurde die Grenze gegen das Herzogtum Jülich abgesichert, Würselen, das an der am stärksten gefährdeten Nordostecke des Reiches lag, war daher schon 1419 zwischen Bardenberg und Weiden längs der Würselener Grenze durch die Landwehr geschützt.

Ausschnitt aus einer Karte des Herzogtums Limburg mit dem Aachener Reich

Ausschnitt aus einer Karte des Herzogtums Limburg mit dem Aachener Reich

Sie bestand aus einem vier Meter hohen Mittelwall und zwei etwa 1,20 Meter hohen Nebenwällen, die durch drei bis vier Meter tiefe Gräben voneinander getrennt waren. Der Hauptwall wurde mit einer breiten, dichten Hecke aus Hainbuchen und Eichen bepflanzt, die so beschnitten wurden, dass sie sich nur seitlich entwickeln konnten. Im Laufe der Jahre verwuchsen dadurch die Zweige zu einem undurchdringlichen Dickicht. Die Straßendurchgänge waren durch Schlagbäume und Sperrketten besonders gesichert. Hinzu kamen, über die ganze Landwehr verteilt, acht Wachttürme an den strategisch wichtigen Punkten. Einer dieser Türme befand sich in Morsbach. In Kriegszeiten waren die Türme mit Wachtposten belegt, die den anrückenden Feind sofort zu melden hatten. Im Frieden bezogen, der Wirtschaftlichkeit halber, Förster die Türme als Wohnung.

Der mit großem Elan begonnene Bau der gewaltigen Wehranlage geriet bald ins Stocken - aus einem Grund, der auch heute noch viele Bauvorhaben vorzeitig zum Erliegen bringt: In den Kassen des Aachener Reiches wurde das Geld knapp. So dauerte es fast fünfzig Jahre, bis die Landwehr um das Aachener Reich vollendet wurde. Sie bot nun Schutz vor unerwünscht herbeiziehendem fahrenden Volk, räuberischem Gesindel, herumstreifenden Heerhaufen, war aber in einem echten Kriegsfall wegen ihrer großen Ausdehnung nur schwer zu verteidigen. Immer wieder brachen fremde Truppen in das Aachener Reich ein, unter denen auch das Würselener Quartier schwer zu leiden hatte.

Schon 1410, noch vor dem Bau der Landwehr, überfiel der Graf von Virneburg mit seinen Leuten den Ort und brannte Würselen vollständig nieder. In den Kriegen der nachfolgenden Jahrhunderte waren es 1699 und 1610 Brandenburger und die Pfa1z-Neuburger Truppen, die Würselen verheerten, nachdem die Einwohner zuvor in die Wälder geflüchtet waren. Nach den Brandenburgern und Pfälzern machten die Würselener 1641 und 1642 die Bekanntschaft mit den Soldaten zweier anderer deutscher Fürstentümer, den Hessen und Weimarer, die nicht weniger unerfreulich ausfiel. Abermals wurde Würselen unter schweren Gewalttaten fast vollständig zerstört. Kaum wieder aufgebaut, rückten 1678 die Franzosen ein. Die Würselener, nun schon erfahren im Umgang mit fremden Truppen, zogen sich erneut rechtzeitig in die sicheren Wälder zurück. Als sie sich wieder hervorwagten, fanden sie von ihren Häusern abermals nicht viel mehr als rauchende Trümmer vor.

Für das Aachener Reich aber kommt das Ende erst ein gutes Jahrhundert später. 1792 besetzen die Truppen der französischen Revolution die linke Rheinseite und zerschlagen alle die kleinen und kleinsten Staatengebilde und Herrschaftsbereiche, um in der „einen und unteilbaren“ Republik aufgehen zu lassen. „Die Französische Revolution fegte auch im Rheinland das Gottesgnadentum gekrönter und ungekrönter Häupter von Kurfürstentümern, Stiften, Ritterschaften und Stadtstaaten auf den Kehrichthaufen der Geschichte“, schreibt Professor Will Hermanns in der Heimatchronik des Landkreises Aachen. „Sie machte aus Aachen die Hauptstadt im Département de la Roer und gewann damit den ersten und entscheidenden Sieg über kirchturmspolitische Enge und kleinstaatliche Zerrissenheit.

Die 1944 zerstörte Morsbacher „Burg“ über den Fundamenten der Befestigungsanlage des alten Aachener Reichs

Die 1944 zerstörte Morsbacher „Burg“ über den Fundamenten der Befestigungsanlage des alten Aachener Reichs

Zwanzig Jahre Franzosenzeit ließen den Aachener auch im Reich vergessen, dass der Jülicher zeitlebens der Erbfeind gewesen war. Jetzt ist der Boden vorbereitet für eine grundlegende und umfassende Neuordnung, die sich nicht nur im kommunalen Bereich, sondern auch in der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Aachener Landes und seiner Gemeinden auswirken sollte. Würselen wird unter den Franzosen zunächst in die vier Distrikte Würselen, Morsbach, Scherberg und Schweilbach eingeteilt. Aber 1. November 1800 fällt eine Entscheidung, die für das Gesicht der heutigen Stadt außerordentlich wichtig ist: Alle Dorfschaften, Weiler und Höfe werden zu einem Groß-Würselen und einem einzigen Bürgermeister zusammengefasst.

Die Neuzeit hat begonnen.

Würselen, fast 500 Jahre eines der Quartiere im Aachener Reich, gehört unter den neuen Herren zum Kanton Burtscheid, Arrondissement Aachens Département de la Roer. Es ist nunmehr eine „Commune“, eine Gemeinde, und der Name des damaligen Bürgermeisters verdient hier festgehalten zu werden, weil er der erste einer langen Reihe geworden ist. Er hieß Peter Leuchter und führte die Verwaltungsgeschäfte bis zum Jahre 1808.

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Die Herrschaft der Franzosen war nicht von langer Dauer. Sie endete 1814, ein Jahr nachdem Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig seine entscheidende Niederlage erlitten hatte. Dennoch werden nach dem Abzug der Franzosen die alten Machtverhältnisse nicht wiederhergestellt. 1815 fallen die Rheinlande nach dem Beschluss des Wiener Kongresses Rheinlande an Preußen.

An den Rat- und Gemeindehäusern erscheint, als Zeichen der neuen Landeshoheit der preußische Adler. Noch im selben Jahr werden die preußischen Rheinlande in die sechs Regierungsbezirke Düsseldorf, Aachen, Köln, Kleve, Koblenz und Trier eingeteilt. 1816 entstehen die Landkreise und fortan gehört die Gemeinde Würselen zum Landkreis Aachen.

Auf vielen Gebieten der Verwaltung haben sich die von den Franzosen eingeführten Reformen, wenn auch in veränderter Form, gehalten. Am deutlichsten wird da in der Gemeindeverwaltung, für die weiterhin die französische Kommunalverfassung gültig bleibt. Erst 1845 tritt an ihre Stelle die Rheinische Gemeindeordnung. Am 5. September 1817 vereidigt der Aachener Landrat den bisherigen Gemeindesekretär Sebastian Kind zum Bürgermeister.

Die alte Grube Teut im Wurmtal (um 1780)

Die alte Grube Teut im Wurmtal (um 1780)

Dieser Akt ist deshalb so bedeutsam, weil Kind nach einer Reihe ehrenamtlich tätiger Bürgermeister der erste Berufsbürgermeister der Gemeinde wird. Als offiziellen Amtssitz bezieht zwei Zimmer in der alten Schule am Markt; alles recht klein und bescheiden, und man kann es dem frischgebackenen Bürgermeister sicher nicht verdenken, wenn er seine Amtsgeschäfte meistens von seiner Wohnung in Adamsmühle aus führte.

Im Jahre 1823 lebten in der Bürgermeisterei Würselen 3648 Bürger. Das Dorf Würselen selbst zählte etwa um dieselbe Zeit 340 Einwohner. Ihre Zahl wuchs nur langsam.

1845 waren es erst 358, das Dorf bestand aus 69 Häusern. In der Gesamtgemeinde war die Zahl der Einwohner bis 1871 auf 5464 gestiegen, die in insgesamt 912 Häusern wohnten.

Mit der Einführung der Rheinischen Gemeindeordnung vom Jahre 1843 erhielt die Bürgermeisterei Würselen 18 Gemeindeverordnete. Sie mussten sich gleich zu Beginn ihrer Amtszeit mit einem unerfreulichen Problem herumschlagen: Die Regierung in Aachen wollte den vom Gemeinderat gewählten Bürgermeister nicht in seinem Amt bestätigen. Über den Kopf des Gemeinderates hinweg ernannte sie den Bürgermeister von Haaren gleichzeitig zum Bürgermeister von Würselen.

Mehr als 50 Jahre wurden Haaren und Würselen danach in Personalunion verwaltet, wobei sich der Sitz der Verwaltung in Haaren befand, obwohl Würselen die größere und bedeutendere der beiden Gemeinden war. In Würselen selbst richtete man in dem als Verwaltungsgebäude angekauften Haus Markt 21 lediglich im Erdgeschoß ein Zimmer als Gemeindebüro ein, in dem der Bürgermeister wöchentlich einige Sprechstunden abhielt.

Außerdem gab es in diesem Haus einen Sitzungssaal für den Gemeinderat, einen Raum für die Registratur, zwei Arrestlokale und die Wohnungen des Gefangenenwärters und eines weiteren Polizeibeamten. Sie stellten in der Mitte es 19. Jahrhunderts die einzige Polizeitruppe Würselens dar.

Beim Beginn der Industrialisierung konnte man daher in Würselen an eine vielhundertjährige gewerbliche Tradition anknüpfen. Vor allem in der Metallverarbeitung verfügte der Ort über reiche Erfahrungen. Schon 1650 gab es sechs Kupfermühlen, in deren Schmelzöfen aus Kupfer und Galmei Messing gewonnen und zu Blechen und Platten gehämmert wurde.

Anschließend übernahmen Kupferschmiedemeister, die „Kofferschläger“, das Material und verarbeiteten es zu künstlerisch hochstehenden Erzeugnissen, die in die ganze Welt verschickt wurden. Neben den Kupferschlägern besaßen auch die Würselener Nadelmacher Weltgeltung. Ihre Produkte, die in den Schauermühlen an der Wurm „gescheuerten" und geschliffenen Nadeln, wurden ursprünglich gleichfalls aus Messing hergestellt.

Noch größere Bedeutung als diese beiden Gewerbezweige erlangte jedoch der Steinkohlebergbau für die weitere Entwicklung Würselens. Der Bergbau im Wurmrevier ist einer der ältesten in Europa. Schon im 12. Jahrhundert geben die Jahrbücher der Mönche von Klosterrath Kunde von der Steinkohlengewinnung an der Wurm.

Adamsmühle im Wurmtal nach einem Foto aus dem Jahr 1896

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Adamsmühle im Wurmtal nach einem Foto aus dem Jahr 1896

Von diesen frühen Anfängen an bis zur Franzosenzeit hat sich der Aachener Rat als Landesherr einen entscheidenden Einfluss auf die Gewinnung der Kohle im Würselener Bergwerksfeld gesichert. Wer in Würselen Kohlen fördern wollte, musste beim Aachener Rat die Verleihung beantragen, zahlte eine Einschreibe gebühr und erhielt dann die Erlaubnis, eine Kohleader „mit Gang und Strang" auszubeuten, natürlich gegen entsprechende Abgaben an die Stadt. Vorübergehend hatte die Stadt Aachen mit der Grube Teut im Wurmtal sogar ein eigenes Bergwerk besessen.

In ihren Anfängen erfolgte die Kohlegewinnung im Wurmrevier fast ausschließlich im Tagebau, da die meisten Kohlenflöze zur Erdoberfläche austraten. Später schlossen sich mehrere Berechtigte zu Gesellschaften oder kleinen „Gewerkschaften" zusammen, die in der Lage waren, den Kohlenabbau auch unter Tage in größerem Stil und mit besseren Hilfsmitteln zu betreiben. Aber noch im 18. Jahrhundert gab es im Gebiet von Würselen nicht weniger als 69 „Kohlwerke“! Erst im 19. Jahrhundert setzten die ersten größeren Konzentrationsmaßnahmen ein.

Die Vereinigungsgesellschaft für Steinkohlebergbau im Wurmrevier erwarb nacheinander die drei bedeutendsten Würselener Gruben Gouley, Teut und Königsgrube und schuf damit die Voraussetzung für: einen leistungsfähigen Bergbau im Zeitalter der Industrialisierung. Im Jahre 1907 ging die Vereinigungsgesellschaft dann im Eschweiler Bergwerks-Verein auf.

Im Verlauf des 15. Jahrhunderts siedelten sich zu den bereits vorhandenen weitere bedeutende Gewerbezweige in Würselen an, unter ihnen Werke der Tuchindustrie, der Elektro- und der chemischen Industrie.

Allerdings bescherten sie den Verantwortlichen in der damaligen Großgemeinde nicht nur Freude: In dem allgemeinen Streben nach schnellem Wachstum und Steigerung der Ertragskraft, das die hektischen frühen Jahre der Industrialisierung beherrschte, wurden die sozialen Probleme allzu leicht über sehen. So wurde denn schon bald die Armenfürsorge zu einem Schmerzenskind der Verwaltung. In einem Bericht, aus dem Jahre 1856 heißt es darüber:

„Das Armenwesen dehnt sich in der Gemeinde infolge der von Jahr zu Jahr sich mehrenden industriellen Etablissements, welche teils die Lebenskraft und die Gesundheit der Arbeiter in hohem Maße beschädigen, teils dieselben zu einer unregelmäßigen Lebensweise verleiten, immer mehr aus. Die Kinder männlichen und weiblichen Geschlechts aus der Arbeiterklasse, welche in hiesiger Gemeinde überwiegend ist, können kaum ihre Entlassung aus der Schule abwarten, um nur so schnell als möglich in Fabriken oder Bergwerken sich Beschäftigung zu suchen und Geld verdienen.

Der Wert des Geldes wird, weil es so leicht gewonnen wird, nicht geschätzt; Verschwendung, Trunksucht usw. sind unausbleibliche Folge …“. In dem Bericht wird weiter geklagt, dass die Armut und die Zahl der Armen ständig zunehme und die Zuschüsse zur Armenkasse sich daher bedeutend erhöhten.

Eine soziale Gesetzgebung kannte man noch nicht. Aber schon 1851 wurde zur Unterstützung der Fabrikarbeiter bei Krankheiten in Würselen eine Unterstützungskasse gegründet, deren Beiträge Arbeitgeber und Arbeitnehmer je Zur Hälfte trugen. Die Arbeiter erhielten freie ärztliche Behandlung und Medikamente. Die Einnahmen und Ausgaben der Kasse wurden auf jährlich rund 1000 Reichstaler geschätzt.

Mit dem Anwachsen der Industriebetriebe hatte in Würselen eine lebhafte Bautätigkeit begonnen. Oft wurden in einem Jahr 80 bis 90 neue Häuser errichtet. Ganze Straßenzüge entstanden neu, und da auch im benachbarten Aachen neue Stadtteile wie Pilze aus dem Boden schossen, fanden viele Arbeiter aus Würselen Beschäftigung im Baugewerbe. Die Löhne stiegen rasch, so dass im Jahre 1865 der Tagelohn für einen Handlanger 25 Silbergroschen betrug - für damalige Verhältnisse eine Menge Geld.

Aber wie immer bei einer stürmischen Entwicklung gab es auch diesmal Leidtragende. Es waren die Bauern, die immer mehr Arbeitskräfte an die Industrie und das Baugewerbe verloren und schließlich dazu übergehen mussten, „Gastarbeiter" anzuwerben: Männer und Frauen aus Holland, die bereit waren, in der Landwirtschaft zu arbeiten.

Einmal beim Bauen, wollte man in Würselen auch auf ein eigenes Rathaus nicht länger verzichten. 1904, am 11, Juni, wurde der Grundstein in zu dem heutigen Rathaus gelegt, aber schon acht Jahre später erwies es sich als zu klein und musste durch den Anbau eines Seitenflügels erweitert werden.

Die einzelnen Ortsteile, die diesem Rathaus aus verwaltet werden sollten, waren inzwischen immer mehr zusammengewachsen. Am 9. November 1904 hielt es daher die Regierung für notwendig, den zum Bezirk der Landgemeinde Würselen gehörenden Dörfern Bissen, Drisch, Elchenrath, Grevenberg, Haal, Morsbach, Oppen, Scherberg und Schweilbach, ferner den Weilern Dobach und Neuhaus wie den Wohnplätzen Duisburger Landstraße, Hochbrück, Kaisersruhe, Meiß, Teut und Strangenhäuschen die einheitliche Ortsbezeichnung „Würselen“ aufzuerlegen.

Nur bei den Wohnplätzen Knopp, Pumpermühle, Teuterhof, Adamsmühle und Wolfsfurth verzichtete man darauf. Sie dürften Ihre bisherigen Namen behalten, weil man es wegen der räumlichen Entfernung für ausgeschlossen hielt, dass sie jemals mit der übrigen Gemeinde verschmelzen würden.

Zur selben Zeit erhielten die einzelnen Straßenzüge Würselens ihre Straßennamen, wobei man darauf Wert legte; die alten Dorf- und Weilerbezeichnungen beizubehalten.

Die außergewöhnliche Ortsbezeichnung Kaisersruhe - oder weit häufiger gebraucht Kaisersruh - geht auf ein Ereignis im Herbst des Jahres 1818 zurück. Damals trafen sich die Herrscher Preußens, Österreichs und Russlands in Aachen zu einer europäischen „Gipfelkonferenz", dem Drei-Monarchen-Kongress. Auf ihm sollte der nach den napoleonischen Kriegen wiedererlangte Frieden in Europa auch für die Zukunft gesichert werden.

In den Kongresspausen unternahm Zar Alexander mit Vorliebe weite Ausritte in die Umgebung Aachens – meist inkognito. Einer von ihnen führte ihn am 12. November 1818 in die Nähe Würselens, wo er mit seinem Begleiter, einem russischen Offizier, auf einem Landgut Rast machte. Das Inkognito der beiden „Offiziere" wurde bald gelüftet, und fortan hieß der Ort, an welchem der hohe Herr zu ruhen geruhte - Kaisersruh. Übrigens mit allergnädigster Genehmigung des Zaren.

Anlagen der 1929 eingestellten Sodafabrikation an der Krefelder Straße

Anlagen der 1929 eingestellten Sodafabrikation an der Krefelder Straße

Nicht nur untereinander waren die Ortsteile Würselen im 19. Jahrhundert zusammengewachsen, auch den Nachbargemeinden hatte man jetzt engeren Kontakt. Dafür sorgte schon die Eisenbahn. Die erste Verbindung auf dem Schienenweg erhielt Würselen im Jahre 1875 mit einer Eisenbahnstrecke, die den Ort mit dem Bahnhof Aachen-Nord verband. In diese Zeit entstand auch der Bahnhof bei Elchenrath. 1892 die Eisenbahnstrecke Würselen - Kohlscheid in Betrieb genommen. Wenige Jahre später erfolgte der Ausbau der Kleinbahnlinie Aachen—Würselen, die am 22. August 1894 dem Verkehr übergeben wurde.

So bot Würselen an der Wende zum 20. Jahrhundert das Bild einer aufstrebenden Gemeinde, die frühzeitig den Weg von der reinen Landwirtschaft zur gewerblichen Großwirtschaft angetreten hatte, offen für den technischen und industriellen Fortschritt und in regem Austausch mit den Nachbargemeinden und der Stadt Aachen.

Auch die Einwohnerzahl hatte sich ständig nach oben entwickelt. Im Jahr 1900 zählte Würselen fast 10000 Einwohner. Sie alle glaubten fest daran, dass der Aufschwung ihres Ortes durch nichts aufzuhalten wäre.

Da fielen am 28. Juni 1914 die unheilvollen Schüsse von Sarajewo. die den Ersten Weltkrieg entfachten. Der Krieg und die nachfolgende Besetzung der Rheinlande durch französische und belgische Truppen unterbrachen jäh die Entwicklung, die so hoffnungsfroh begonnen hatte.

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Durch den passiven Widerstand der Behörden und der Bevölkerung gegen die Besatzungsmächte wurde das besetzte Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg vom übrigen Deutschland völlig abgeschnitten. Viele Arbeiter wurden in dieser Zeit brotlos. Die Inflation tat ein Übriges, um Armut und Hunger immer fühlbarer werden zu lassen.

Würselen Markt Kirche St. Sebastianus zur Jahrhundertwende

Würselen Markt Kirche St. Sebastianus zur Jahrhundertwende

Als die Not auf das Höchste gestiegen war, zogen in Würselen viele Arbeitslose vor das Rathaus und forderten die Erlaubnis zum Requirieren von Vieh, Getreide und Lebensmitteln bei den Landwirten und Geschäftsleuten. Da man ihnen diese Erlaubnis nicht geben konnte, griffen die Arbeitslosen in ihrer Verzweiflung zur Selbsthilfe und holten sich, was sie für sich und ihre Familien zum Leben brauchten.

Mit Ausnahme weniger Jahre war Würselen nach dem Ersten Weltkrieg fast ununterbrochen bis zum Jahre 1930 von belgischen Truppen besetzt. Die Kosten für diese Besatzung waren beträchtlich.

Ihre wirkliche Höhe lässt sich heute allerdings nur schwer schätzen da die Milliardenbeträge, mit denen man während der Inflation rechnete, das Bild verwirren. So muss etwa im Jahre 1923 in Würselen 41 Billionen 687 Milliarden Mark an Besatzungskosten aufgebracht werden.

Erst am 30. November 1930, zwölf Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, wurde Würselen endgültig von den Besatzungstruppen geräumt.

Trotz der ernsten Zeiten, in denen man damals lebte, wird uns aus dem Jahre 1923 eine Begebenheit überliefert, über die man heute noch schmunzeln möchte, eine Eulenspiegelei reinsten Wassers, mit deren Hilfe der damalige stellvertretende Bürgermeister die Einnahme des Rathauses durch die Separatisten verhinderte. Die Separatistenbewegung, die sich angeblich für ein „freies, unabhängiges Rheinland“ einsetzte, war bis dahin in Würselen kaum in Erscheinung getreten.

Das Würselener Stadtwappen

Das Würselener Stadtwappen

Nun aber war einer ihrer Abgesandten in Würselen aufgetaucht und versuchte, Anhänger zu gewinnen. Um die Behörden zu provozieren, schlug er zwei Plakate am Rathaus an, auf denen die „Rheinische Republik“ ausgerufen wurde. Als ein Beamter ihm dies verbot, fuchtelte er mit einer Pistole herum, stieß wilde Drohungen aus und verschwand schließlich, um Verstärkung zu holen.

Dieser Zwischenfall veranlasste den stellvertretenden Bürgermeister, erhöhte Alarmbereitschaft anzuordnen, alle Polizeibeamte - es waren wenig genug - im Rathaus zu versammeln. Tatsächlich erschienen in der Nacht 22. zum 23. Oktober 1923 annähernd 300 Separatisten, um das Rathaus zu stürmen. Die Belagerten öffneten ein vergittertes Fensterchen in der Rathaustür und gaben damit den Separatisten Gelegenheit, einen Blick in das Innere zu werfen. Was sie dort sahen, musste ihnen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Das Rathaus wimmelte scheinbar von schwerbewaffneten Polizisten. In Wirklichkeit war es jedoch nur eine Handvoll Beamte, die ständig mit Gewehren am Arm auf dem Flur hin- und herliefen und damit bei den Beobachtern den Eindruck einer großen Zahl erweckten.

Und was die Gewehre betrifft – sie waren nichts weiter als Attrappen, Holzgewehre, die nicht einmal der Polizei sondern einer Schützenbruderschaft gehörten, da die Polizei auf Anweisung der Besetzung über richtige Waffen kaum verfügen durfte. Das Täuschungsmanöver gelang jedoch vortrefflich: Gegen eine solche Macht wagten die Separatisten nicht anzukämpfen und zogen wieder ab. In Würselen lachte man noch nach Jahren über diese Affäre, bei der auch Beamte einmal bewiesen -hatten, dass sie jederzeit in der Lage sind; auf einen Schelm anderthalbe zu setzen.

Und man konnte umso herzhafter darüber lachen, als sich sonst in den schweren Nachkriegsjahren zum Lachen wenig Anlass bot. Auch ein Ereignis, das man zu schweren Zeiten sicherlich mit großer Freude gefeiert hätte, vermochte in der Besatzungszeit nicht die rechte Stimmung zu wecken: 1924 wurde Würselen, inzwischen auf rund 14 500 Einwohner angewachsen, Stadt.

Mit besonderem Stolz konnte man nun das Stadtwappen zeigen. In seinem ersten Feld breitet der schwarze Reichsadler seine Schwingen aus und erinnert an die mittelalterliche Zugehörigkeit Würselens zum Aachener Reich.

Die zweite Vierung des Wappens füllt ein grünes Feld mit silbernem Wellenbalken. Es bezieht sich auf die geographische Lage Würselens an der Wurm, die ja auch in ihrem Stadtnamen zum Ausdruck kommt.

Das dritte, gleichfalls grüne Feld zeigt über einem goldenen Dreiberg silberne Schlägel und Eisen mit goldenen Stielen: Symbol für den Steinkohlebergbau, der durch Jahrhunderte für das wirtschaftliche Leben der Stadt bestimmt hat.

In der letzten Vierung schließlich enthält das farbenprächtige Wappen auf silbernem Feld ein schwarzes Balkenkreuz, das die frühere kirchliche Zugehörigkeit des Ortes zum Erzstift Köln hinweist.

Mit dem Wappen allein war es indes nicht getan. Die Erhebung Würselens zur Stadt brachte zahlreiche neue Aufgaben auf sozialem, kulturellem und baulichem Gebiet. Gerade für Würselen war die Frage der Raumplanung und Stadtgestaltung nicht leicht zu lösen, weil die Stadt keinen eigentlichen Mittelpunkt besitzt, um den man in organischem Aufbau wachsende Wohn- und Siedlungsgemeinschaft hätte gruppieren können.

Schweilbach, Scherberg, Morsbach und andere Ortsteile hatten schon nach ihrer Herkunft als fränkische Einzelgüter oder Marktgenossenschaften stets eigenständige Siedlungstendenzen. Selbst die gemeinsame Würselener Pfarrkirche als bedeutsamstes Zentrum mittelalterlicher Gemeinschaft vermochte diese selbständigen Ortsteile kommunalpolitisch kaum näher aneinander zubringen.

Es bedurfte daher aller Anstrengungen des Rates und der Verwaltung, um Würselen zu einem organischen Ganzen zusammenzuschweißen. Entscheidend hierfür waren die baulichen Planungen, die in den Jahren 1934 und 1939 durch Erwerbung des Industriegeländes zwischen Krefelder Straße und Elchenrather Straße eingeleitet wurden.

Inzwischen hatten sich mit der Übernahme der Herrschaft durch die Machthaber des Dritten Reiches auch im Kommunalen einschneidende Veränderungen ergeben. Viele aufrechte Männer wurden von den neuen Herren wegen angeblichen „politischen Missverhaltens“ aus ihren Ämtern und Stellungen entfernt, vor allem im Bürgermeisteramt gab es zahlreiche Kündigungen, Beurlaubungen und Entlassungen. Die Organisationen der Gewerkschaften waren bereits 1933 aufgelöst worden. Die politischen Parteien hatten sich noch im selben Jahr unter dem Druck der nationalsozialistischen Führung selbst aufgelöst. Die Tätigkeit der konfessionellen Jugendverbände wurde 1934 stark eingeschränkt. 1938 traf das Schicksal der Auflösung auch den Jungmänner-Verein und den Ketteler-Verein. Ihre Stelle nahmen jetzt die nationalsozialistischen Organisationen ein.

 Schon 1929 waren in Würselen und Morsbach Ortsgruppen der NSDAP gegründet worden, die 1935 zu einer Ortsgruppe zusammengefasst wurden. Formationen der SA und SS, der Hitlerjugend und andere politischer Verbände vervollständigten das Erscheinungsbild der herrschenden Staatspartei.

1936 werden die im Landkreis Aachen vertretenen nationalsozialistischen Einrichtungen in Würselen zusammengefasst. Würselen wird Sitz der Kreisleitung der NSDAP im Landkreis Aachen. Ein Jahr später lässt sich auch die Bannstelle des HJ-Bannes Aachen-Land in Würselen nieder. Damit ist die Stadt in den Mittelpunkt des politischen Lebens im Landkreis Aachen gerückt - eine zweifelhafte Ehre, wenn man bedenkt, wie sich der nationalsozialistische Geist in den verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens auszuwirken begann.

Es gab ja nicht nur Fackelzüge und Sprechchöre, Maifeiern und Kinderlandverschickungen Winterhilfssammlungen, Tage der Wehrmacht und Eintopfsonntage. Das alles nimmt sich noch vergleichsweise harmlos aus gegenüber der völligen politischen Gleichschaltung auf allen Gebieten, gegenüber Verleumdungen und Denunziantentum und der absoluten Unterdrückung jeder irgendwie anders gearteten politischen Meinung.

Alle Beamten und Lehrer sind zum Hitlergruß verpflichtet, die Lehrer müssen ihren Eid auf den Führer ablegen, aus den Klassenzimmern verschwinden die Kruzifixe, Geistliche dürfen keinen Religionsunterricht in den Schulen mehr erteilen. Aus den Amtssiegeln wird das Stadtwappen herausgeschnitten und durch den Reichsadler mit Hakenkreuz ersetzt, zahlreiche Plätze und Straßen werden umbenannt und führen jetzt die Namen der politischen Größen des Dritten Reiches

Bald schon gehören zu den Erscheinungsformen, in denen sich das neue Reich verkörpert, auch die Folgen des Zweiten Weltkrieges, die Brot-, Fett-, Zucker, Fleisch und Nährmittelkarten, die nächtlichen Fliegeralarme, das Dröhnen der Flakgeschütze. Bald schon werden Anordnungen erforderlich wie diese: dass bei einer Entwarnung nach Mitternacht am nächsten Vormittag der Unterricht in den Schulen ausfällt.

Bald werden die Schulsäle mit Soldaten belegt oder mit Männern der Organisation Todt, die am Westwall arbeiten. Bald gibt es im Rahmen einer „allgemeinen Reichsaktion“ einen Befehl zum Abtransport aller in Würselen ansässigen Juden nach Haaren-Hergelsmühle, von wo aus ihr weiteres Schicksal ins Ungewisse führt.

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Die letzten Jahre des zweiten Weltkrieges sind die schwersten, die Würselen in seiner vielhundertjährigen Geschichte je zu überstehen hatte. Sie beginnen mit einer fast ununterbrochenen Folge von Fliegeralarmen, bei denen zahlreiche Häuser zerstört und viele Würselener getötet werden. Bei den Großangriffen auf die benachbarte Stadt Aachen bleibt auch Würselen selten verschont; Die Bevölkerung ist im Luftschutz geschult worden, bei Einbruch der Dämmerung müssen alle Häuser, die Straßenbeleuchtungen und Fahrzeuge verdunkelt werden. In den Kellern der Häuser sind Luftschutzräume eingerichtet, die Häuser selbst durch Kellerdurchbrüche als Fluchtwege verbunden. Alle Kellerlöcher haben wegen der Splittergefahr Abdichtungen erhalten. Außerdem sind im Sodaberg, bei den Singerwerken, in der Zechenhausstraße, der Balbinastraße und Aachener Straße Stollen angelegt worden; die der Bevölkerung bei Luftangriffen Schutz bieten sollen. Aber trotz all dieser Maßnahmen sind immer wieder Todesopfer zu beklagen.

Am 12. September 1944 wird zum letzten Mal Fliegeralarm gegeben. Es ist der 532. Alarm, wie eine Würselener Einwohnerin in einem Tagebuch vermerkt. Aber vergeblich warten die in der Stadt zurückgebliebenen Einwohner auf die Entwarnung. Sie erfolgt nicht mehr. Stattdessen schlagen am nächsten Tag die ersten Granaten in Würselen ein, der Kampf der vorrückenden Amerikaner um die Stadt hatte begonnen. Von nun an liegt das Gebiet von Würselen drei Monate lang unter ständigem Beschuss.

Pfarrkirche St. Sebastian nach dem zweiten Weltkrieg

Pfarrkirche St. Sebastian nach dem zweiten Weltkrieg

Der Angriff der amerikanischen Truppen galt in erster Linie der Eroberung Aachens. Bis zum 21. September war Aachen von fast allen Seiten umfasst. Nur über die Krefelder und Jülicher Straße bestand noch eine lose Verbindung zum Hinterland, der „Schlauch von Würselen", der in jenen Tagen in den Kriegsberichten oft erwähnt wurde Aber auch sollte nicht mehr lange offenbleiben. In der am 2. Oktober 1944 beginnenden zweiten Schlacht um Aachen, bei der auch erbitterte Kämpfe um Bardenberg und Würselen und die dortigen Bunkerstellungen tobten, wurde der Schlauch immer mehr eingeschnürt, bis am 16. Oktober die Riegelstellung nicht länger gehalten werden konnte und Aachen völlig abgeschlossen wurde.

Am 21. Oktober erschien auf dem Bunker des Aachener Kampfkommandanten die weiße Fahne: Die deutschen Truppen ergaben sich den Streitkräften der I. US-Division.

In Würselen waren zu dieser Zeit von den rund 15000 Einwohnern nur wenig mehr als 1000 zurückgeblieben. Alle übrigen hatte man zum Teil unter Zwangsmaßnahmen evakuiert. Evakuiert war auch die Stadtverwaltung, die zunächst nach Stetternich im Kreis Jülich und von dort nach Hennef an der Sieg verlegt wurde. Eine ihrer Hauptaufgaben bestand zu diesem Zeitpunkt darin, die Anfragen der aus Würselen evakuierten Bürger zu beantworten, die aus allen Teilen Deutschlands eintrafen und in denen um Auskunft über das Schicksal von Angehörigen gebeten wurde.

Aber bleiben wir in Würselen bei jenen, die weder durch Überredung noch durch Drohungen zu bewegen waren, ihre Heimat vor der heranrollenden Kriegslawine zu verlassen, um sich in Sicherheit bringen. Ihr Schicksal wird in einem zeitgenössischen Bericht geschildert:

„Die nach all den Drangsalen, Nötigungen und Drohungen durch die Parteimänner in Würselen verbliebene Bevölkerung kampierte in den Kellern ihrer zerschossenen Häuser oder in den Stollen. Stellenweise hatten sich Kellergemeinschaften gebildet.

Hunderte von Männern und Frauen mussten Tag und Nacht ohne Unterbrechung in den Stollen zubringen. Dort war es fast immer dunkel und feucht; Das Wasser tropfte von den Wänden und Decken, der Boden war nass. An manchen Stellen stand das Wasser eine Handbreit hoch. Fast niemand konnte mehr liegen; die Menschen mussten stehen oder sitzen. Die Wasserversorgung war ebenso unterbrochen wie die Versorgung mit Licht. Man behalf sich mit Kerzen, soweit solche aufzutreiben waren.

Die Kartoffelernte konnte wegen des starken Beschusses und der Minengefahr nicht mehr eingebracht werden. Wer trotzdem versuchte, Kartoffeln heimzuholen, tat dies auf eigene Gefahr. Milch für die Säuglinge war kaum noch aufzutreiben.

Die Bevölkerung lebte von vorhandenen Lebensmittelvorräten und dem umherlaufenden und angeschossenen Vieh, das notgeschlachtet und verteilt wurde. Bei dieser Lage mussten die Lebensmittelrationen auf das Äußerste beschränkt werden. Nur während der kampffreie Zeit - früh, während der Mittagzeit und in den Abendstunden zwischen 5 und 6 Uhr war es möglich, Wasser aus einem intakt gebliebenen Brunnen heranzuholen.

Viele, die ihren Schlupfwinkel verließen, um frisch zu schöpfen, mussten dies mit Verletzungen oder gar mit dem Tod bezahlen. Einem sechszehnjährigem Mädchen wurde beim Wasserholen am Knopp durch Granatsplitter der Kopf abgerissen. Die Toten konnten vielfach nicht mehr auf dem Friedhof beerdigt werden, sondern wurden da begraben, wo das Schicksal sie ereilt hatte.“

In der Nacht zum 9. Oktober 1944 rollten die ersten amerikanischen Panzer durch die Gouleystraße und nahmen Morsbach. Trotz heftiger Gegenwehr gelang es den Amerikanern auch die nächsten Ortsteile Schweilbach und Scherberg zu besetzen. Die Aachener Straße und die Krefelder Straße bildeten jetzt die Hauptkampflinie, an der sich die vordersten Kampftruppen, nur durch eine Straßenbreite getrennt, gegenüberlagen.

Auf der deutschen Seite wurden noch einmal starke Panzereinheiten eingesetzt, die eine Wendung herbeiführen sollten. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Amerikaner, die die Angriffe mit Artilleriefeuer beantworteten, aus den besetzten Ortsteilen zu werfen. Andererseits konnten auch die Amerikaner im Kampf um das Zentrum von Würselen keine Geländegewinne verzeichnen, obwohl sie am 18. Oktober den Stadtkern mit schweren Bomben belegt hatten, um einen -schnellen Fortgang der Operation zu erzwingen.

Fast sechs Wochen ging die Front mitten durch Würselen. Da setzten die Amerikaner am 17. November 1944 zum entscheidenden Schlag an. Die verstörten, von Schrecken gelähmten Menschen, die in den Luftschutzkellern und   Stollen bisher die Schlacht überlebt hatten, mussten ein fast dreistündiges Trommelfeuer über sich ergehen lassen.

Man schätzt, dass dabei 5000 bis 6000 Granaten auf das Stadtzentrum niedergingen; In die unheimlichen Stille, die dem Beschuss folgte, mischte sich am Morgen um 10 Uhr das Klirren der Panzerketten, als die ersten amerikanischen Panzer, ohne nennenswerten Widerstand zu finden, Würselen bis zur Bahnlinie Neuhäuserstraße - Friedrichstraße besetzten. Sie eroberten einen Ort, der durch die wochenlangen Kämpfe in ein grausiges Trümmerfeld verwandelt worden war, in dem berghohe Schutt- und Geröllmassen die Straßen bedeckten, so dass Räumpflüge eingesetzt werden, den Panzern einen Weg zu bahnen.

Das zerstörte Rathaus

Das zerstörte Rathaus

Hören wir noch einmal den Bericht aus jenen Tagen: „An diesem Morgen zählte man 178 Männer, Frauen und Kinder, die aus den Kellern kamen. Jeder. hatte geglaubt, dass er der einzige Überlebende sei. Die Stadt war wie ausgestorben, und jeder fühlte das Unheimliche dieses Zustandes. Die ausgestandene Angst stand den Menschen noch immer in den Augen. Sie hatten sechs Wochen in vorderster alles miterlebt, was ein Krieg mit sich brachte, und eine ungeheure Nervenprobe bestanden."

In der Nacht vom 17. zum 18. November verließen die letzten deutschen Soldaten die Ortsteile Oppen und Haal. Am 18. November besetzten die Amerikaner morgens auch diese beiden Stadteile. Für Würselen war damit der totale Krieg zu Ende. Er hinterließ eine zu 79 Prozent zerstörte Stadt, verwüstete Straßen, aufgewühlte und verminte Felder, minenverseuchte Wege, Drahtverhaue; zersplitterte Baumstümpfe, Erdlöcher und Schützengraben - da, wo einstmals eine blühende Stadt gestanden hatte.

Hier endet genaugenommen die Geschichte Würselens, die Geschichte einer Stadt, wenn man Geschichte als die Darstellung des Vergangenen auffasst. Alles, was in den letzten 25 Jahren in Würselen geschah und noch geschieht, ist lebendige Gegenwart, blutvolle, von uns allen gestaltete und miterlebte Gegenwart, Aber eines Tages wird auch sie zur Geschichte dieser Stadt gehören. Es liegt an uns, an den Bürgern eines demokratischen Staates und einer demokratisch verwalteten Stadt, mitzubestimmen, wie diese später einmal geschrieben wird.

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Einführung

Der Teil I des Buches „Geschichte einer Stadt“ beschreibt in kompakter und dennoch hinreichend ausführlicher Form die Entwicklung der Stadt Würselen bis zur Mitte der 1960er Jahre.

Der Satzbau ist häufig typisch deutsch. Es werden tiefe Schachtelsätze verwendet, die im Lichte des modernen Satzbaus ein wenig aus der Zeit gefallen wirken. Dennoch ist diese Abhandlung eine äußerst lesenswerte Lektüre für diejenigen, die sich in unterhaltsamer Form über Würselen informieren wollen.

Übertragung ins Englische

Die auf dieser Grundlage erstellte Übertragung ins Englische spiegelt in gewisser Weise den komplexen Satzbau des deutschen Originals. Ein ‚native speaker‘ wird die englische Fassung verstehen und wohl an mancher Stelle seine Anmerkungen haben. Eine sprachlich ‚gute‘ Übersetzung hätte einen Aufwand bedeutet, der den Zweck, die Bereitstellung der eigentlichen Information ohne Anspruch literarische Qualität, nicht angemessen gewesen wäre. Ich bitte um entsprechende Nachsicht und Verständnis.

Hinweise

Das Buch liegt in gedruckter Form vor. Die Teile, die für eine Verwertung auf der Webseite vorgesehen sind, wurden gescannt und mit den entsprechenden Werkzeugen in Microsoft WORD™ als Text interpretiert.

Wegen des vorliegenden Drucks des Teils I auf Umweltpapier in einer kleinen Schriftgröße, stoßen diese Werkzeuge sehr häufig an ihre Grenzen. Bei der erforderlichen händischen Nachbereitung der Texterfassung kann es zu bisher unentdeckten Fehlern gekommen, die ich von vorneherein zu entschuldigen bitte.

Der ursprünglich drei-spaltige Text wurde zur Darstellung auf einer Websseite als zusammenhängender Fließtext aufbereitet.

Dabei wurden zusätzliche Absatzumbrüche eingeführt.

Die Graphiken wurden an sachgerechten Stellen wieder in den Fließtext eingebunden.

Es werden durchweg die so genannten ‚neuen Rechtschreibregeln‘ verwendet.

Der Teil I des Buches wird im Vollzitat angeboten, da nur so eine geeignete Grundlage für eine englische Übersetzung erstellt werden konnte.

Falls notwendig und sachgerecht, werden an einigen Stellen Anmerkungen und Links eigeführt, die aber deutlich abgesetzt zu erkennen sind.

Bitte beachten Sie die ausführlichen Hinweise über das Buch „Würselen“, den Herausgeber, die Autoren und die Verwertungsrechte auf der besonderen Seite.